Man muss genau hinsehen, wenn man wissen will, was vor sich geht im tropischen Busch. US-Piloten haben Luftaufnahmen gemacht über Kuba, und es scheint so, als würden Raketen durchs Grün geschoben. Nach genauer Auswertung der Bilder steht fest, dass es sich dabei um sowjetische Atomwaffen handelt. Die Kubakrise beginnt und damit auch Roger Donaldsons Film Thirteen Days. Ein paar tausend Meilen weiter südlich, in einem anderen Land und einem anderen Film, Taylor Hackfords Lebenszeichen, errichtet eine texanische Firma einen Staudamm nahe den Anden. Der Ingenieur Peter Bowman (David Morse) freut sich, die Lebensbedingungen der einheimischen Indios verbessern zu können. Aber dazu kommt es nicht mehr. Unversehens wird Bowmans Unternehmen von einem größeren geschluckt, und dabei stellt sich heraus, dass das Staudammprojekt nur eine "humanitäre Schaufensterdekoration" für ein ungleich profitableres Ölgeschäft war. Bowman selbst wird von der örtlichen Guerilla geschluckt, besser gesagt gekidnappt und bald darauf verhört: "Sie arbeiten für die Pipeline!" - "Nein, für den Staudamm." - "Genau - für die Pipeline." Die Geisel verschwindet im Dschungel, das Verhandlungsmarathon beginnt unter Anleitung des Spezialisten Terry Thorne (Russell Crowe).

Der große rote Hund in Amerikas Hinterhof

Bei riskanten Unternehmungen in Politik und Wirtschaft muss man auf Tarnoperationen gefasst und zur Diplomatie begabt sein. Es ist nicht einfach, sich mit dem Feind, dem unberechenbaren Gegenüber, auf eine gemeinsame Sprache zu einigen. In Thirteen Days und Lebenszeichen sieht man die Guten durch ihre Kommandozentralen streichen auf der Suche nach dem angemessenen Umgang mit der anderen Seite: Was wollen die Russen - und was wollen wir ihnen zu verstehen geben? Beziehungsweise: Wie viel will die Guerilla - und was sind wir zu zahlen bereit? Beide Filme inszenieren Politik als persönlichen Kampf: Männer mit Gefühl und Härte versuchen den Sieg davonzutragen, Raketen oder Geiseln aus dem Busch herauszupressen. Es kommt auf das richtige Zeichen zur richtigen Zeit an und auf geschicktes Taktieren. Das gilt nicht nur für die Männer vor der Kamera, sondern auch für diejenigen dahinter. Sie müssen dem Zuschauer beweisen, dass sich hintergründige Händel in gut sichtbare Szenen übersetzen lassen. 147 Filmminuten für die Kubakrise, 130 Minuten für eine Geiselaffäre, in der die gesellschaftliche Situation eines südamerikanischen Staates widerhallen soll - da zählt auch das richtige Zeichen zur richtigen Zeit, und jede falsche Bewegung kann das gesamte Unternehmen gefährden.

Die Filmemacher müssen ihre Ausschnittsammlung für das Ganze ausgeben. Mitunter gehen sie damit offen um; mitunter bemänteln sie ihre strategische Verknappung. Thirteen Days verzichtet von vornherein auf den Blick der Gegenseite. Was die Russen denken - wir erfahren es nicht. Roger Donaldson beschränkt sich auf Rede und Widerrede im Weißen Haus mit gelegentlichen Ausflügen zu den Aufklärungsjets, den Schiffen, die die Seeblockade überwachen, und zur Familie des Präsidentenberaters Kenny O'Donnell (Kevin Costner), in dessen Begleitung sich der Film hauptsächlich durch die dreizehn kritischen Tage im Oktober 1962 bewegt. Aber gerade diese eng geführte Perspektive macht Thirteen Days zu einem spannenden Kabinettstück. In der Konzentration auf das Innenleben des amerikanischen Krisenmanagements scheint Politik tatsächlich wieder einmal zurückführbar auf die Instinkte, Zweifel und Sorgen einer Hand voll Entscheidungsträger. Natürlich sind es vor allem die Brüder Kennedy, die in der angespannten Gemengelage vorbildliche Staatsmänner abgeben. Sie müssen einerseits die Russen zur Abkehr von Kuba bewegen, haben andererseits eine ganze Reihe Militärs um sich herum, die den "großen roten Hund, der in Amerikas Hinterhof wühlt", am liebsten mit einer Menge Waffengewalt vertreiben möchten. John F. (Bruce Greenwood) und Bobby (Steven Culp) dürfen den Generälen am anderen Ende des Tisches so wenig trauen wie Chruschtschow am anderen Ende der Welt, die noch von keinem roten Telefondraht zusammengehalten wird.

In die anfängliche Ratlosigkeit hinein sagt Kevin Costner, der Dritte im Bunde der Unbestechlichen, dem als O'Donnell wieder einmal die Rechtschaffenheit in jeder Stirn- und Anzugfalte sitzt, zu den Brüdern: "There is no wise old man - it's just us." Das Pathos dieses Satzes durchzittert im Grunde den ganzen Film, bis es gegen Ende noch verstärkt wird durch einen weiteren großen Satz: In einem Geheimgespräch einigen sich der russische Botschafter Dobrynin und Bobby Kennedy auf den historischen Kompromiss, der die Eskalation im letzten Moment abwendet; Dobrynin streicht dabei die Besonnenheit der "guten Männer" auf beiden Seiten heraus; und O'Donnell wird spätabends zu seiner Frau sagen: "Wenn die Sonne morgen aufgeht, dann nur wegen des Willens einiger guter Männer."

Das ist dick aufgetragen und als heroische Personalisierung des Politischen durchaus problematisch. Trotzdem schafft es Donaldson, eher die positive Seite dieser Medaille auszuspielen. Er inszeniert die Ausnahme von der Regel - in einem doppelten Sinn. Die Kubakrise ist die eine Ausnahme, die Politik der "guten Männer" die andere. Das glückliche Geschick haben die Kennedys wirklich bewiesen, gleichzeitig projiziert der Film es mitunter wie eine Art schönen Traum in die Jetztzeit: Ach, verliefe die Politik doch so, wie sie uns hier einmal gelungen ist, an allen Fährnissen vorbei. Wobei zu diesem Gelingen sicher beiträgt, zumindest zum Gelingen von Thirteen Days, dass Donaldson manche realpolitischen Hintergründe der Einfachheit halber leicht frisiert oder wegblendet. Die Kennedys gehen aus dieser Begradigung als etwas zu stark leuchtende Lichtgestalten hervor. Und zu deren Rechtfertigung bemüht der Film dann doch eine recht durchsichtige Heldenrhetorik, die weit zurückfällt hinter das sehr dramatische Drumherum.

O'Donnell zwingt den Präsidenten vor dessen Rede an die Nation zu einem Moment Ruhe und Sammlung mit gelockerter Krawatte. Er erinnert an die good old days, an Football und Freizeit, und sagt: "Ich brauchte einige Zeit, um Sie zu begreifen ...", womit er zweifellos auf JFKs politisches Charisma abzielt. Der Satz rollt langsam und schwer durch den abgedunkelten Raum, man wartet auf die entscheidende Erklärung - aber die wird nie gegeben. Die Kennedys sind ein Phänomen, fast ein Wunder. "Was werden wir jetzt tun?" setzt O'Donnell nach, wie ein Gläubiger, der in gemeinsamer Not seinen Oberhirten befragen darf. "I'm going on TV", antwortet JFK. Das Geheimnis seines Erfolgs bleibt eine Leerstelle; das macht aber nichts, solange die Medien ihn beglaubigen - wie auch dieser Film, der die Brüder als wise young men inszeniert und ihnen mit fast jeder Szene eine Art stolzschwellendes Schulterklopfen zugute kommen lässt.