Manchmal kommt es vor, dass aus dem Weltraum ein Raum von Welt wird. Am vorigen Wochenende zum Beispiel wurden in Cornwall, dem südwestlichsten Zipfel der britischen Insel, acht riesige Gewächshäuser feierlich eröffnet, die man ähnlich rund 30 Jahren zuvor schon einmal hatte bestaunen können. Damals allerdings noch im All - und in Breitwandformat. Silent Running hieß der Film und zeigte die Gattung Mensch, wie sie unter diese Megakapseln flüchtete, nachdem ein Nuklearkrieg im Jahr 2008 die Erde unbewohnbar gemacht hatte.

Dem Cornwall des Jahres 2001 sind solche Schreckensvisionen fremd, die futuristische Ästhetik der Großkuppeln aber heißt man herzlich willkommen. Denn auch hier wird eine Art Überlebensstrategie erprobt, zusammen mit Avocados und Bananen soll das Zukunftsbild einer Welt heranreifen, in der die Grenzen zwischen Natur und Mensch verschwinden. Bereits der Name des Riesenparks ist Programm: Eden Project.

Lange hatten Nicholas Grimshaw und seine Kollegen nach der richtigen architektonischen Chiffre gesucht, nach einem Symbol, das sich einprägen und von einem besseren Morgen künden würde. Erst versuchten sie es mit einer schlangenförmigen Konstruktion, die sie bereits für ihren berühmten Anbau des Waterloo-Bahnhofs verwendet hatten. Dann aber verfielen sie auf Silent Running, wohl auch deshalb, weil der Ort, an dem die Gewächshäuser entstehen sollten, damals noch aussah wie eine Mondlandschaft. Ein Tagebau hatte sich mitten in die wogende Landschaft Cornwalls gefressen und einen 60 Meter tiefen Krater hinterlassen. Die Natur war nur noch Ruine.

Natur ist nicht mehr natürlich, Technik nicht mehr technisch

Dort erheben sich nun die acht Blasenhäuser, die so groß sind, dass man 35 Fußballfelder mit ihnen überdecken könnte. Um selbst Urwaldriesen eine Unterkunft zu bieten, treiben die Kuppeln in weite Höhen hinauf - und doch sieht man sie zunächst gar nicht, so weit unten liegen sie im Kessel. Erst wenn man an wuchernden Hecken vorbeigefahren ist und die Bergkuppe hinter sich hat, tauchen sie plötzlich auf. Das Auge wandert über die fremdartigen Körper, ohne richtig zu verstehen, wie groß diese eigentlich sind. Nur wer den Hang hinabgeht, begreift allmählich, dass die Gewächshäuser, zur Kette gereiht, das Tal in s-förmigem Schlenker durchziehen, die schrattigen Steilwände des einstigen Tagebaus teils überfangend. Es ist eine weiche, anschmiegsame Architektur, die dem Boden halb zu entwachsen scheint und doch kühl und technizistisch wirkt. Eine Stahlkonstruktion zergliedert die Oberfläche in lauter Sechsecke, zwischen die mächtige Luftkissen aus Plastikfolie eingespannt sind. Diese milchige Haut lässt mehr Sonne hindurch als Glas, isoliert besser und ist leichter - sodass Grimshaw ein Gewächshaus von 110 Meter Breite und 50 Meter Höhe bauen konnte, ohne nur eine Stütze zu verwenden.

Ein gewaltiger Himmel öffnet sich jedem, der das Tropenreich betritt, denn die Kuppeln überspannen nicht nur Palmen, Balsa- und Gummibäume, sondern auch eine steil ansteigende Bergwelt, in der man umherwandern und schwitzend die Serpentinen emporklettern kann, bis man schließlich über den Wipfeln steht, eine erhabene Aussicht genießt und sich staunend über dieses Wunder einer Wiederbelebung freuen kann. Mehr als eine Viertel Milliarde Mark hat diese Landschaft in der Landschaft umgerechnet gekostet, mehr als 750 000 Besucher im Jahr werden erwartet. Und man darf sicher sein: Sie kommen.

Schon vor der Eröffnung hatte es rund 500 000 Menschen ins entlegene Cornwall gelockt, nur um die Baustelle zu besichtigen. Eine äußerst erstaunliche Begeisterung, denn fantastische Palmenhäuser, großartige Glasarchitekturen und überbordende Landschaftsparks gibt es schließlich viele in England. Außer durch seine Größe unterscheidet sich das Eden Project von anderen Großgärten einzig durch seine Ambivalenz, durch die Verknüpfung von Futurismus und Ursprünglichkeit, von schroffen Klippen und satter Dschungelpracht. Und es ist wohl diese Harmonie in Disharmonie, die das neue Paradies so populär macht.