Auf der Fahrt zur Klinik fiel mir eine islamische Sage ein: Ein Wanderer entdeckte eines Tages neben seiner eigenen Trittspur eine zweite, parallel laufende. Das irritierte und verängstigte ihn. Er fragte den unsichtbaren Begleiter, wer er sei. "Ich bin dein Schutzgeist", tönte eine Stimme, "solange ich an deiner Seite gehe, passiert dir nichts." Der Mann beruhigte sich, er freute sich sogar über den Weggenossen. Jahre vergingen, da erkrankte er schwer. Zu seinem Entsetzen war die Spur verschwunden. Doch er genas - und sogleich sah er sie wieder neben sich. "Ausgerechnet als ich in großer Not war, musste ich allein gehen", haderte er. Der Unsichtbare antwortete: "Du irrst. Die Tritte, die du sahst, waren meine - denn ich habe dich getragen."

Die Lungenoperation war unumgänglich geworden. Über drei Jahre hatte ich mit einem 1,5 Zentimeter kleinen Tumor gelebt, der keine Beschwerden verursachte, sich auch nicht vergrößerte und bei allen Kontrollen "keinen Hinweis auf Malignität" enthielt. Bis auf die letzte Kontrolle: geringfügig, "mit streifiger Ausziehung", hatte der Fremdkörper an Umfang gewonnen. Somit bestand kein Zweifel, "dass es sich am ehesten um das Vorliegen eines Lungenkarzinoms handeln könnte". Also Krebs. Und so war es. Ein Teil des linken Lungenlappens musste entfernt werden.

Es lag nahe, die Operation an meinem Wohnort durchzuführen, weil mich, als Alleinlebende, dann Freunde besuchen konnten. Zum Glück verfügt Wiesbaden über eine thoraxchirurgische Klinik, die in die Horst-Schmidt-Kliniken integriert ist. Die Städtischen tragen seit 1976 den Namen des ehemaligen hessischen Sozialministers, der, selbst Lungenfacharzt, bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte, während er Nothilfe leistete. Die hiesige Thoraxchirurgie wird von einem Chefarzt mit drei Kollegen und einer Kollegin geführt, einem aufeinander eingeschworenen Team, unterstützt von Schwestern, deren Tag-und-Nacht-Betreuung der Patienten sich als beispielgebend erwies. Sie allesamt ganz weiß gekleidet, eine "Schneeglöckchengarde".

Ein Zimmer, grünlichtig wie ein Aquarium

Wie lebt ein Mensch von der endgültigen Diagnose bis zur Operation? Anders als vorher. Angst beschleicht ihn, eine Art Selbstentfremdung setzt ein, die in der Schlussphase vor dem Eingriff in blanke Todesangst mündet. Plötzlich ist er sicher, schon längst gewusst zu haben, dass er sterben wird. Anzeichen dafür gab es, sie fallen ihm alle wieder ein. Das "Schaufenstererlebnis" etwa: Eine herrliche Bluse war ausgestellt, malvenfarbig, mit Perlendekor; ein Traum, sie würde mich kleiden. In der Scheibe spiegelte sich mein Gesicht. "Die brauchst du doch gar nicht mehr", sagten die Augen. Dies "Das brauchst du nicht mehr" kann phobische Formen annehmen. Frauen und Männer, Singles wie Verheiratete fallen solch verzweifeltem Fatalismus anheim. Zu guter Letzt "braucht man" nicht einmal mehr eine Konserve im Kühlschrank.

Ob man mit dem Arzt, dem Chirurgen, dem man zwangsläufig vertrauen muss, zurechtkommen wird, darüber entscheiden mitunter Sekunden; im Ausnahmefall ein Augenblick. Der Chefarzt der Thoraxchirurgie trat ins Sprechzimmer. Nie war ich ihm begegnet, und doch hatte ich ihn schon gesehen. Bloß wo? Es fiel mir wieder ein: in den Kirchen entlang des fränkischen Mains; er erinnerte an Tilman-Riemenschneider-Skulpturen. Wir einigten uns über Voruntersuchungen und den Operationstermin.

Sechs endlos lange Tage wurde ich vorbereitet. Geschwächt und psychisch zunehmend labiler, fielen einzelne Ergebnisse miserabel aus. Vor allem solche, die mit körperlicher Kraft verbunden sind wie die Lungenfunktionsmessung mit Radfahren. Sportlerin war ich nie. Doch das Ergebnis der spiroergometrischen Untersuchung (mit Atemmaske) war annehmbar. Dem allerdings lag eine Gemeinschaftsleistung des zuständigen Ärzteteams und der Patientin zugrunde. Erstmals wurde mir erklärt, alle Kraft auf die Füße am Pedal zu konzentrieren, nicht etwa auf die Hände am Lenker.