Stefanie Wendel glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Mit ihrem acht Monate alten Sohn Max wollte sie von Hamburg nach München fliegen - mit Kindersitz. Sie hatte Glück, der Mittelsitz neben ihr blieb leer, sodass sie die Babyschale dort befestigen konnte. Kurz vor dem Start erschien die Stewardess und wies freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass Frau Wendel ihren Sohn immer dann aus der Sicherheitsschale und auf den Schoß zu nehmen habe, wenn die Anschnallzeichen aufleuchten - aus Sicherheitsgründen. "Aus Sicherheitsgründen!", regt sich die Mutter noch heute auf. "Wo doch jeder weiß, dass man ein Kind im Notfall beim Bremsen oder bei einem Aufprall gar nicht festhalten kann! Wer lässt sich so etwas einfallen?!"

Irrtum der Flugbegleiterin? Willkür ignoranter Luftlinien-Bürokraten? Nichts dergleichen: Was Stefanie Wendel so empört hat und jedes Jahr bei Tausenden von Eltern "für Erstaunen sorgt", wie Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty es vorsichtig formuliert, ist das Ergebnis einer verworrenen Rechtslage.

Es begann mit guter Absicht: Auf EU-Ebene wurde eine Vorschrift erlassen, die besagt, dass für jedes Kind über zwei Jahren ein Anschnallgurt und "ein zusätzlicher Schlaufengurt oder ein anderes Rückhaltesystem für jedes Kleinkind" an Bord vorhanden sein müsse. Klingt gut, birgt aber schon die ersten Tücken. Denn für Kinder mit weniger als 20 Kilo Körpergewicht bietet der normale Beckengurt keine Sicherheit. Und der zusätzliche Schlaufengurt für Kleinkinder unter zwei Jahren, auch Loop-Belt genannt, gilt unter Fachleuten als lebensgefährliche Falle, weil er wie ein "biologischer Airbag" für die Eltern wirkt: Bei plötzlichen starken Tempoverzögerungen wird das Baby, das auf dem Schoß festgeschnallt ist, zwischen Ober- und Unterkörper des Erwachsenen zusammengequetscht - der so genannte Klappmessereffekt. In den USA ist er deshalb verboten, und auch die Deutschen wollten sich auf diese gefährliche Lösung nicht einlassen. Also setzten sie die EU-Vorschrift für ihr eigenes Land erst einmal außer Kraft. Mehr noch: Das Verkehrsministerium vergab im vergangenen Sommer einen Forschungsauftrag an den TÜV Rheinland, um zu prüfen, wie Kinder denn tatsächlich in Flugzeugen sicher transportiert werden können. Keine leichte Aufgabe, denn es geht nicht nur darum, Kinder verschiedener Gewichtsklassen sicher unterzubringen. Die Sitze und Gurte in Flugzeugen sind so unterschiedlich, dass es sehr schwierig ist, auch nur ein Befestigungssystem zu finden, das sich in jedem Flugzeug anwenden lässt.

Inzwischen ist der Bericht fertig, inklusive detaillierter Empfehlungen für den Bau sicherer Flugzeugkindersitze, und in dieser Woche treffen sich im Verkehrsministerium Vertreter von Fluggesellschaften, Kindersitzherstellern, dem Luftfahrtbundesamt und dem TÜV Rheinland.

Kindersitze könnten bald Pflicht werden

Sollten sich alle Teilnehmer darüber einig werden, wie ein konkreter Kindersitz aussehen könnte, dann wäre es rechtlich möglich, den Einsatz von Sitzen, die diese Voraussetzungen erfüllen, immerhin schon zu erlauben, wenn auch nicht rechtlich vorzuschreiben. Noch weiß man nicht, welche Sitze die Norm erfüllen werden, aber gute Chancen hätte zum Beispiel der Sitz, den die Firma Innovint Einrichtungs GmbH schon im vergangenen Jahr auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA 2000 in Berlin vorstellte. Er ist tatsächlich "lufttüchtig" nach den gesetzlichen Vorschriften, zusammenklappbar und geeignet für Kinder von der Geburt bis zu sechs Jahren. So viel Sicherheit hat ihren Preis: 2000 Mark könnte das gute Stück kosten.

Vielleicht ginge es auch billiger, wenn nur genug Konkurrenz da wäre. Und die könnte kommen, wenn Flugzeugkindersitze Pflicht würden. Josef Schiller, der für das Kindersitzproblem zuständige Referent beim Verkehrsministerium, nennt sich selbst einen optimistischen Mann, deshalb hofft er: "Wenn es gut läuft, könnten die Flugzeugkindersitze im Sommer oder Herbst 2002 Pflicht werden."