Als Harald Schliemann 1876 die berühmte goldene Totenmaske aus den Schuttschichten des alten Mykene geborgen hatte, soll er einer griechischen Zeitung telegrafiert haben: "Ich habe dem Agamemnon ins Antlitz geblickt!" Schliemann irrte: Die Totenmaske aus Mykene war 3600 Jahre alt, sein Besitzer starb lange vor dem sagenumwobenen Held des Homer.

Ein ähnliches Erlebnis beschert Paläoanthropologen das britische Fachblatt Nature diese Woche auf dem Titelbild: ein schweigendes Gesicht aus der Vergangenheit und wie die mykenische Totenmaske voller Rätsel. Das Gesicht wirkt menschenartig jung - und ist doch uralt. Das Wesen starb vor etwa 3,5 Millionen Jahren am heutigen Westufer des Turkanasees in Kenia, doch es ähnelt in vieler Hinsicht dem Homo rudolfensis, der vor etwas mehr als 2 Millionen Jahren lebte und bisher als frühester Vertreter der menschlichen Gattung Homo galt.

Der uralte Schädel gleicht einem viel jüngeren Skelett

Vor zwei Jahren entdeckte der Grabungsassistent Justus Erus vom Archäologenteam der Paläoanthropologin Maeve Leakey die fossilierten Schädeltrümmer, die unter dem Kürzel KNM-WT 4000 registriert wurden. Der Fund bringt die Forscher in Erklärungsnot. Denn er gehört anscheinend einer bislang unbekannten Art in der menschlichen Vorfahrenlinie an. Und dieses Wesen, von Maeve Leakey auf den Namen Kenyanthropus platyops - flachgesichtiger Kenia-Mensch - getauft, war ein Zeitgenosse der Art Australopithecus afarensis, deren berühmteste Vertreterin Lucy war. Diese noch weitgehend affenartigen Geschöpfe galten bislang als die menschenähnlichsten Geschöpfe vor 3,5 Millionen Jahren. Sie verfügten zwar nur über ein primitives, schimpansenähnliches Gehirn und hatten affenartig vorspringende Gesichtszüge, konnten aber bereits aufrecht gehen.

"Das ist eine aufregende Entdeckung", urteilt der US-Paläoanthropologe Richard Klein. "Nun haben wir den ersten sicheren Beweis, dass es vor drei bis vier Millionen Jahren außer Australopithecus afarensis noch etwas gab." Der menschliche Stammbaum, urteilt der Frühmenschenexperte von der kalifornischen Stanford University, sei offenbar "schon sehr früh weit verzweigt gewesen".

Schon beim ersten Blick auf den neu entdeckten Schädel erkannten die Experten die Familienähnlichkeit mit dem berühmten Homo rudolfensis, dessen Überreste vor 20 Jahren Maeve Leakeys Vater Richard auf der anderen Seite des Turkanasees entdeckte. Wie jener weist auch der neue Urmensch Kenyanthropus ein flaches, menschlich anmutendes Gesicht mit hohen Wangenknochen auf.

Doch diese Ähnlichkeit bedeutet keineswegs, dass Kenyanthropus tatsächlich menschlicher war als Lucy und ihre affenartigen Gesellen. KNM-WT 4000, so ergaben die Vermessungen der Leakey-Truppe, scheint eine seltsame Mischung aus primitiven und fortgeschrittenen Merkmalen besessen zu haben: das menschenähnliche Antlitz verdeckte einen bemerkenswert primitiven Hirnkasten. Ebenso wie Australopithecus und Schimpansen hatte er zudem eine kleine Gehöröffnung und Zähne mit dicker Zahnschmelzschicht. Welche Rolle spielte dieses Geschöpf in der Evolution des Menschen?