Das 1888 gegründete Deutsche Historische Institut in Rom war ein Forschungszentrum, von dem umfassende Forschungsunternehmungen ausgingen, vorbildlich für Europa, vielfach nachgeahmt, hoch angesehen. Es war ein Aushängeschild deutscher Geschichtswissenschaft in der Ewigen Stadt und weltweit, wo es in engem Verbund und in wissenschaftlichem Wettbewerb mit zwanzig weiteren geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen fremder Nationen kooperierte. Seine Entstehung verdankte es mehr oder weniger direkt der Öffnung des Vatikanischen Archivs im Jahr 1880/81. Die Stellung des Direktors in Rom war eine der herausragenden wissenschaftlichen Positionen, die in der deutschen Mediävistik zu vergeben waren, alle Direktoren haben bedeutende Unternehmungen auf den Weg gebracht. Vorbildlich ist das Repertorium Germanicum, das der spätere Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde effizient zu organisieren verstand; berühmt das große Papsturkundenwerk, das Paul Fridolin Kehr in Zusammenarbeit mit der Göttinger Akademie der Wissenschaften initiierte; und gerade jüngst konnte das DHI mit seiner Beteiligung an der Erschließung des Archivs der Glaubenskongregation der Römischen Kirche (mit den Akten der Inquisition und des Index Romanus) auch an der Erschließung der Akten der Pönitentiare oder der überreichen Schätze kanonistischer Handschriften in der vatikanischen Bibliothek seine hundertjährige Erfahrung beisteuern.

Das unlängst erstellte Gutachten des Wissenschaftsrates hat das alles zu würdigen gewusst. Es bescheinigte dem Institut, mit der bisherigen Organisationsstruktur hervorragende Arbeit geleistet zu haben. Gleichwohl hat das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung eine Neuordnung geplant. Sie soll die bislang erfolgreiche Arbeit nicht etwa verbessern (denn da gibt es ja nichts zu verbessern), sondern bloß anders organisieren. Kostenträchtiger Aktionismus also. Statt wie bisher autonom zu wirken, allein dem Ministerium zugeordnet, sollen das römische und alle anderen Auslandsinstitute mediatisiert, einer Dachorganisation unterstellt werden. Sie sollen zu einer einzigen hierarchisch gegliederten Stiftung zusammengefasst werden. Doch wofür? Warum? Wer soll davon profitieren? Der Effekt ist evident: Er heißt Zentralisation, auch Politisierung, straffere Abhängigkeit von den wechselnden Mehrheiten der Politik.

Wuchernde Bürokratie und politische Abhängigkeit

Modernisierung also durch Zentralisierung und die damit einhergehende Bürokratisierung? Welche Zumutung für eine auf Flexibilität angewiesene Forschung! Die Stellung der bisherigen wissenschaftlichen Beiräte der einzelnen Institute soll geschwächt werden; eine neu zu schaffende durchsetzungskräftige Geschäftsstelle wird sich zweifellos ihre Arbeitsfelder zu beschaffen wissen; bürokratische Schwerfälligkeit droht die Forschung zu ersticken. Einem kleinen, alles entscheidenden Stiftungsrat obliegt künftig die eigentliche Kontrolle aller Institute. In ihm sollen die Vertreter der beteiligten Ministerien gemeinsam mit Vertretern der nationalen Fördereinrichtungen wie DFG, Max-Planck-Gesellschaft oder Humboldt-Stiftung bis hin zu Wissenschaftsrat und Stifterverband für die deutsche Wissenschaft - und daneben gerade mal ein Vertreter der Beiräte aller in der Stiftung vereinigten historischen Auslandsinstitute sitzen. Von diesem Letzteren abgesehen, ist keine der genannten Einrichtungen an sich schon geschichtswissenschaftlich kompetent. Um von den Beiräten der Institute unabhängig zu sein, bedürfen sie der Gutachter, sollen sie ihrer künftigen Aufgabe nachkommen. Deren Bestellung bleibt dunkel. Auf jeden Fall winkt hier Vermehrung der Gutachtertätigkeit für Gutachter, die jetzt schon mit Gutachten überschüttet sind.

Über dem Ganzen aber soll ein Präsident stehen, den die Ministerin (oder der Minister) ohne Vorschlag anscheinend in eigener Kompetenz nach Gutdünken beruft; im Planungspapier steht nichts davon, dass er ein ausgewiesener Forscher sein muss. So droht den Instituten eine verstärkte Abhängigkeit von der politisch wechselnden Leitung des Minsteriums und der Eigendynamik der zentralen Geschäftsstelle.

Das alles vermehrt die Instanzen um etwa die Hälfte. Es garantiert eine kräftige Zunahme an Arbeit, wenn auch nicht an Forschungsarbeit. Die Tendenz, die realisiert werden soll, zeichnet sich deutlich aus dem jetzt verteilten Strategiepapier ab. Kurzfristige Unternehmungen werden an die Stelle der großen Forschungsaufgaben treten, die in der Tat einen langen Atem erforderten, wie ihn nur dauerhafte Institutionen besitzen; jetzt sollen schnell vorweisbare, in wenigen Jahren abschließbare Klein- und Kleinstunternehmungen die im Einzelnen wenig spektakulären, als Ganzes aber unabdingbaren Grundlagenforschungen ablösen. Langfristige wissenschaftliche Perspektiven lassen sich auf diese Weise nicht verfolgen. Das wissenschaftliche Experiment, das des Schutzes gesicherter Arbeitsmöglichkeit bedarf und auch gewisse Irrwege verkraften können muss, das ausgedehnte Detailwissen, das für bestimmte Forschungsfelder unabdingbar ist und nicht in wenigen Jahren erworben werden kann, die Erfahrung im Umgang mit dem Aktenmaterial einer durch mehr als ein Jahrtausend gewachsenen Behörde, wie sie die römische Kurie darstellt: sie bleiben auf der Strecke.

Der Institutsdirektor erscheint nur noch als Organisator vor Ort, als Institutsschreiber von Anträgen, als Bittsteller im Gremiendschungel, bestenfalls noch als Taktierer im personalen Geflecht zwischen Beiräten, Geschäftsstelle, Stiftungsräten und Präsidenten, die durch Mittelverwaltung und Mittelverteilung, als Herren über die Personalstellen, tatsächlich die Forschung lenken. Gewiss, Synergieeffekte zwischen den weltweit verteilten Instituten werden verheißen, ein gemeinsames Jahrbuch in Aussicht gestellt (wer aber bedarf eines solchen?), ein gemeinsames Outfit, gemeinsame Materialbeschaffung.