DIE ZEIT: Herr Köhler, seit Monaten ist die Weltwirtschaft im Abwärtstrend. Ist sie vor dem Absturz noch zu retten?

HORST KÖHLER: Die Weltkonjunktur schwächt sich zwar viel schneller ab als noch vor wenigen Monaten erwartet. Der IWF wird in seinem neuen World Economic Outlook für dieses Jahr ein globales Wachstum von 3,4 Prozent prognostizieren, verglichen mit 4,8 Prozent im vergangenen Jahr. Das ist für mich aber kein Absturz. Die Wachstumsrate, die wir jetzt für 2001 erwarten, entspricht immerhin dem Durchschnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte.

ZEIT: Die Vereinigten Staaten, bisher die Lokomotive der Weltwirtschaft, marschiert nach dem Urteil vieler Ökonomen in die Rezession.

KÖHLER: Es war wirklich nötig, dass sich die Konjunktur in den USA abschwächt - nicht zuletzt, um Übertreibungen an den Finanzmärkten zu korrigieren. Das geht jetzt schneller und möglicherweise etwas weiter, als es uns recht sein kann. Dennoch bleibe ich auch für die USA zuversichtlich, aus zwei Gründen: Erstens sind die tatsächlichen Konsumausgaben und das Produktivitätswachstum noch immer auf historisch hohem Niveau, und zweitens - vielleicht noch wichtiger - sind die Amerikaner anpassungsfähig.

ZEIT: Malen Sie die Lage der Amerikaner nicht doch zu rosig? Hohe Schulden der Unternehmen, im langen Boom aufgebaute Überkapazitäten, dramatische Verschuldung und negative Sparrate der privaten Haushalte - führt die Korrektur solcher Fehlentwicklungen nicht in eine lange und tiefe Rezession?

KÖHLER: Ich kann ein solches Krisenszenario nicht prinzipiell ausschließen. Der Wahrscheinlichkeit für eine derartige Entwicklung und weltweite Krise würde ich jedoch weniger als 25 Prozent geben.

ZEIT: Kann sich Europa als Fels in der Brandung behaupten, dem die Schwäche der USA und die Dauerflaute in Japan nichts anhaben können?