In Büchern und Filmen kassieren die Außenseiter regelmäßig die Sympathien der Zuschauer und Leser ein. Ihre Schrullen, ihre von der Mitwelt stets verkannten Begabungen - wie werden sie von uns sogleich geliebt! Und haben sie vielleicht noch ein Gebrechen, liegen sie uns erst recht am Herzen. Wie man Ihnen im wirklichen Leben gegenüberträte, ob mit demselben warmen Mitgefühl und ebenso herzlicher Parteinahme, steht auf einem anderen Blatt. Könnte man zum Beispiel eine Schabe lieben, wenn sie einem in der eigenen Küche über den Weg liefe?

Das Prestige der Kakerlaken wird allenfalls von dem der Wanzen noch unterboten. Unpopulär genug also, um das Interesse der amerikanischen Künstlerin Janell Cannon zu erregen, deren Faible für nicht schmuseverwendungsfähige Tiere uns bereits hinreißende Bücher über den jungen Python Verdi und den Flughund Stellaluna beschert hat.

Exotisiert durch den Lebensraum Regenwald, jeder Verwandtschaft mit den Ungezieferscharen schmuddeliger Hotels weit entrückt, präsentiert sich jetzt eine Schabe mit graziöser Behinderung. Seinen Spitznamen, Knickling, trägt er seit jenem Unfall, als er nur knapp einer gierigen Krötenzunge entkam und dabei seinen Flügel verrenkte. Der steht seitdem steif nach oben ab und tut weh. Auch sonst ist Knickling nicht gerade ein Liebling der Schöpfung. Ständig fallen die Größeren und Stärkeren über seine mit viel Kunstsinn hergerichteten Mahlzeiten her - ob Affe, Eidechse oder Ozelot, und er kann von Glück sagen, dass er mit dem Leben davonkommt.

Doch als man vor Mitleid schier zerfließen will, zeigt sich der Verfolgte und Gepiesackte von einer Seite, die man ihm nie zugetraut hätte. Anstatt edel weiterzuleiden, beginnt er nun seinerseits Kleinere und Schwächere zu schikanieren. Geradezu sadistische Versuche stellt er mit den winzigen Blattschneiderameisen an, lässt sie in tiefe Löcher purzeln, hängt sie freischwebend an einer Liane auf und lacht sich kaputt. Als die Ameisen-Liliputaner ihn zuletzt à la Gulliver verschnüren, ist man daher ganz auf ihrer Seite. Ab geht der Transport, denn der Jahrestribut an die Kriegerameisen ist wieder mal fällig. Aber die Anständigkeit siegt auf halbem Weg, der Gefangene wird laufen gelassen. Auch wenn die gute Tat nun den Einfall der mafiosen Horde nach sich zieht.

Schabe Knickling, von so viel Großherzigkeit beschämt und durch die orthopädische Einwickelmethode obendrein vom Flügelkrampf geheilt, bietet als Dank seine Hilfe an. Der kleine Arcimboldo übertrifft sich selbst: die schönen Künste, in den Dienst der Abwehr gestellt, vertreiben den anrückenden Feind. Und zwar für immer.

Die schöne Kunst Janell Cannons hingegen ist allein zum Staunen und Kennenlernen da. Sie holt für uns die Akteure der Parabel aus ihrem tropischen Mikrokosmos ins Überdeutliche, verrät jedoch nie die realistischen Proportionen an eine abstrahierende Verniedlichung. Die Genauigkeit der Zeichnungen würde jedem entomologischen Fachbuch zur Ehre gereichen. Aber könnte das die staksige Anmut der Gliederfüßer, die Hilflosigkeit eines Sturzes, das martialisch Bizarre der wie selbst geschmiedeten Beißwerkzeuge, die konfuse Unruhe von Flügeldecken einem so unnachahmlich vor Augen führen?

Janell Cannon:Knickling Aus dem Englischen von David Chotjewitz; Carlsen Verlag, Hamburg 2001; 48 S., 32,- DM (ab 5 Jahren)