Die Mundwinkel hängen, das Fell sträubt sich. Die Augen haben jenen hervorquellenden Ich-befürchte-alles-Blick, und Pfote ist in so hasenfüßiger Art an Pfote gesetzt, die ganze Viehsilhouette schon so ins Zittern geraten, dass auch uns beim Anblick des Tieres herzklopfend bange wird. Was kommt? Wie wird es enden? Was soll aus dieser Kreatur werden in einer Welt, in der ein Satz wie "Es war einmal ein Hase" keine Feststellung ist, sondern höchstens mal eine Lebensabschnittsbeschreibung?

Moderne Zeiten! Die Dinge rasen, von Bild zu Bild verwackelt sich die Wirklichkeit, und nicht selten ist das nur für Zuschauer irre komisch. Nur Philosophen finden jetzt noch Zeit, über die Fragmentierung der Wahrnehmung zu brüten, stottern von "Facetten" der Persönlichkeit, bejammern die Suche nach dem Ich. Wie jemand so Haken schlagend durch sein Schicksal rennt und sich, auf jeder neuen Seite, in ihm nur verhakelt findet. Da ist der Hase plötzlich ein Schwein ist ein Schwan ist ein Dampfer. Der Dampfer ist ein Floh, oho! So flott kann es gehen, wenn sich ein großer Dadaist wie Kurt Schwitters der Sache annimmt und zu Ostern eine kinderleichte Geschichte erzählt.

Wird der Hase zum Schwein, landet er bäuchlings im Matsch. Wie sich sorgenvoll drei tiefe Speckfalten in seinen Nacken graben! Wie er geduldig die Keulen spreizt, wenn sich die Ferkelmeute an seine Zitzen schmeißt! Carsten Märtin, 1961 und gut sieben Jahrzehnte nach Schwitters geboren, gibt den Worten des alten Meisters Farbe. Schamerrötendesschweinepink! Bedenklichesgrauschwanenweiß. Märtin hat natürlich die Augen als Sitz der Hasenseele ausgemacht, und so verlieren wir, durch alle Transformationen, nie die Spur der ängstlichen Ergebenheit.

Im Spiegel der Hasenseele erscheint die Welt als irres Theater. Eine Bühne der Verrückten: Frecher, als Märtins Bilder es tun, kann man es sich nicht vor Augen führen, wie die kleine Schwitters-Erzählung literaturhistorisch zu verorten wäre. Fische-Dämchen zerren Luft schnappende Blagen durch den Park, Strommasten wackeln unheilvoll dem Horizont zu, über einem Feld von Kohlköppen wacht eine Vogelscheuche mit schwarzem Oberlippenbart. In der Sparte Kinderbuch ist das kein Grund zum Jammern - mögen sich die Bäume ihre kahlen Äste raufen, am Ende treffen wir den Hasen als Hasen wieder. Fell zerzaust, die Augen mit jenem Ich-habe-alles-gesehen-Glanz. Ohren hoch: Am Bildrand grasen die vielleicht überlebenden letzten zwei Kühe, aber am Himmel ziehen Wolken dahin, die wie ein Hase aussehen oder wie ein Hase als Dampfer als Schwein, und wenn man ihnen nachschaut, wie der Hase es tut, wird eins klar - lebensabschnittsweise war dies ein toller Spaß.

Kurt Schwitters/Carsten Märtin (Ill.):Die Geschichte vom Hasen Lappan Verlag, Oldenburg 2001; 32 S., 24,80 DM (ab 5 Jahren)