Vom Wald her röchelt schon wieder ein Nachtvieh. Bald wird sich der Tag auf Rotzkalitz zuschleichen, "über Japan, die Mongolei und sonstige in der Gegend liegende Länder, wie Indien und die Slowakei". Wie der neue Tag den kleinen Ort in Josef Holubs neuem Kinderbuch Die Schmuggler von Rotzkalitz wachkitzelt, das gehört zu den Morgenszenen in der Kinderliteratur, die man nicht vergessen wird. Die Zeit sollte stehen bleiben, bevor solche Bilder entfliehen. Das Licht kriecht in der Sommermorgendämmerung langsam über die Berge, löscht die Sterne, klettert zuerst auf Dächer und Baumwipfel, dann über Hauswände und Baumstämme und lässt die Vögel in den Kastanien und Linden nach Luft japsen vor Schreck, bevor sie aus voller Kehle singen und pfeifen.

Wer die Geschichten von Josef Holub liest, der findet sich alsbald in sinnenfrohen Landschaften wieder. Diese Landschaften sind besonders im Roten Nepomuk und in Bonifaz und der Räuber Knapp weit mehr als schöne Kulisse zu dramatischer Handlung. Die Geschichten will man sich als Leser nur dort und nirgendwo und nirgendwann anders denken. Rotzkalitz - das ahnt der Holub-Geschichtenkenner sogleich, ohne dass es der Autor je konkret erwähnt -, Rotzkalitz müsste im tschechischen Böhmerwald liegen, unmittelbar an der deutschen Grenze. Ideales Land für Kinderabenteuer und Jungdetektivgeschichten.

Im Zollhaus von Rotzkalitz verbringt der kleine Held Bautz seit Jahren bei Tante und Onkel - dem örtlichen Grenzkommandanten - seine Ferien. Das Gebäude unmittelbar neben dem Grenzfluss scheint, ebenso wie das Wirtshaus Zum Henker, auf unerklärliche Weise Schmuggler aus nah und fern anzuziehen. Das beobachtet der Elfjährige schon lange. Dumm nur, dass er zwar blitzgescheit ist, aber sonst ein ziemlich schwächliches Bürschchen. Welch Glück also, als der einsame Junge mit dem couragierten, wenn auch etwas verschlafenen Onk Freundschaft schließen kann, der eben mit seinem Vater, einem mysteriösen Professor, nach Rotzkalitz gekommen ist, zum "Steine sammeln", wie es heißt.

Mit Beginn dieser nunmehr fünften innigen Jungenfreundschaft in den Büchern Josef Holubs scheiden sich die im Verborgenen wirkenden Kräfte, die Holubs Welten bisher so wunderbar im Inneren zusammenhielten. Die Landschaft und ihre Geschichte verflüchtigen sich ins Schemenhafte und machen einem schlichten Abenteuer Platz. Nur ab und zu blitzt hinter den Figuren etwas von der Tiefe der früheren Persönlichkeiten in Holubs Romanen auf. Die Handelnden gewinnen kein Profil und könnten genauso gut einem Zwei-bis-fünf-Freunde-Abenteuer entsprungen sein. Das ist sehr, sehr schade, weil das herrliche Landschaftstableau, das Holub anfänglich in die Geschichte malt, sich nicht mit dem Leben füllt, von dem der Autor erzählen könnte und das ihm - dem Leben - in Wirklichkeit zusteht.

Josef Holub:Die Schmuggler von Rotzkalitz Oetinger Verlag, Hamburg 2001; 150 S., 19,80 DM (ab 10 Jahren)