Kein gewöhnlicher Besuch bei Hanna Mai, der Ärztin, und ihren zwei Töchtern Minna und Malka. Frau Silber nimmt Platz und redet schon: "Sie haben ihre Sachen bei den Schneidern abgeholt. Und bei Netti, der Wäscherin, waren sie auch." Sie, das sind die Deutschen: "Das kann nur eines bedeuten, Frau Doktor, es kommt eine Aktion."

Hanna Mai hört das Wort in diesem Jahr 1943 nicht zum ersten Mal, "Aktion", die Variante heißt "Umsiedlung", so wie vor einigen Wochen in Krakau, alle Juden werden zusammengetrieben und irgendwohin transportiert. Jetzt also auch hier, in Lawoczne, in den Karpaten, in der polnischen Ukraine, nicht weit von der Grenze zu Ungarn.

Mirjam Pressler hat Schoschana Rabinovicis Dank meiner Mutter übersetzt, Uri Orlevs Die Bleisoldaten, Karlijn Stoffels' Mojsche und Reisele, bleibende Romane über Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Mit Malka Mai stellt sie nun als Autorin ein Werk dazu. Die einfache, schrecklich einfache Geschichte einer Flucht. Man darf sich nicht scheuen zu sagen, wie spannend diese Geschichte sich liest. Und zugleich ist zu sagen: Ganz karg ist dieses Buch, überall ist eine Reduktion auf das Wesentliche am Werk, ganz reich ist dieses Buch, voller Blicke, Gesten und Bewegungen, eine leise Choreografie im Untergrund der Ereignisse.

Hanna Mai begibt sich auf die Flucht, ihre Töchter im Schlepptau. Minna ist sechzehn und Malka ist sieben Jahre alt. Anfangs gibt es noch Bekannte, ehemalige Patienten, zuverlässige Hilfe. Dann hilft Bezahlung weiter. Sie schaffen es bis nach Ungarn. Aber so kurz hinter der Grenze kann keiner aufatmen: "Die ungarischen Gendarmen schließen Wetten ab, wer die meisten polnischen Juden fängt und nach Polen zurückbringt." In einer kleinen Gruppe soll es weitergehen - nach Budapest.

Doch Malka ist völlig erschöpft und krank, mit gefährlichen Wunden an den Beinen und hohem Fieber. Und einer sagt: "Die Kleine könnte doch hier bleiben, bei Kopolowici, er hat ja selbst Kinder. Und wenn es ihr wieder besser geht, können wir sie nachkommen lassen." Hanna Mai weist das heftig zurück.

Es ist der Druck der Situation, die Verantwortung für die ältere Tochter Minna und die Unmöglichkeit, einen besseren Ausweg zu finden, die Hanna Mai schließlich bewegt, Malka hier unter Tränen zurückzulassen: "Ich weiß doch selbst nicht, was ich tun soll." Und sie klammert sich an die in diesem Buch mehrmals wiederkehrende Beschwörungsformel der Hoffnung: "Ein Kind fällt nicht auf. Ein Kind läuft immer irgendwie mit." So also wird es abgesprochen: In Munkatsch, bei Doktor Rosner, wird sie Malka wiedersehen.

Ein dramatischer Punkt der Erzählung, die sich nun in zwei Stränge aufteilt. Abwechselnd begleitet und beobachtet die Erzählerin Hanna und Malka. Wie überzeugend, ohne Anflug von Kunstgriff, Mirjam Pressler das gelingt, das muss man sich erlesen. Eine Verwandlung, die den Roman nie hemmt, ihn stets vorantreibt. Ein komplexes Verhältnis der Erzählstränge: Näherungen, Entfernungen und Korrespondenzen zwischen Mutter und Tochter, die sich nur dem Leser erschließen.