Olivia ist ein Schwein, und so hinreißend gezeichnet, dass man es ins Herz schließen muss. Olivia ist eine Nervensäge, so hyperaktiv, dass ihre Muter sie kaum bremsen kann. Und Olivia hat Träume: Wie so viele kleine Mädchen möchte sie Balletttänzerin werden. Im Museum, vor Degas' Gemälde Ballettprobe, träumt sie sich in die Rolle eines Bühnenstars. In gekonnter Tanzpose verneigt sie sich vor dem unsichtbaren Publikum.

Ian Falconer, Autor und Illustrator des Buches, ist ein ähnlich begabter Comic- und Cartoonzeichner wie Hilke Raddatz, die uns einst mit ihrer Trilogie aus "Bockenheim" begeisterte. Er lässt seine kleine Heldin ganz leicht über die Buchseiten tanzen und springen, zeichnet dabei skizzenhaft und treffsicher, sodass jede Pose, die Olivia einnimmt, auch zu einem Beleg seines Talents wird. Falconers Zeichnungen sind erdachte Körper- und Bewegungsstudien: So könnte ein kleines Schwein sitzen, laufen und liegen, wenn es wie ein Kind aufrecht durch die Welt ginge, in Turnschuhen oder Pumps, im Bikini oder Abendkleid, wenn sie ein Sonnenbad nimmt oder die Katze spazieren führt.

Äußerlich gibt sich das Bilderbuch schlicht und kontrastreich; die Figuren sind mit schwarzem Stift aufs Papier gesetzt, Räume werden nur sparsam angedeutet. Um die Haupfigur ins rechte Bild zu setzen, wird sie mit einem knalligen Rot versehen. Wie Signale leuchten ihre Kleider im schwarzweißen Umfeld auf. Keine andere Farbe passt besser zu den Auftritten des nimmermüden Energiebündels als Rot. Nur zweimal, wenn große Kunst im Buch zitiert wird, kommen weitere Farben hinzu.

Ian Falconer erzählt vom manchmal komischen, aber viel häufiger wohl anstrengenden Kinderalltag, wie ihn alle Eltern kennen: wenn Olivia die Wände des Kinderzimmers mit moderner ,Malerei' ziert oder nicht ein Buch, sondern fünf Bücher zum Vorlesen anschleppt. Doch Olivias Charme lässt Frust und Stress vergessen und löst sie in befreiendem Lächeln auf.

Und manchmal lässt uns auch das Bild zweifeln, ob wir uns nicht schon lange in Olivias Fantasiewelt wohler fühlen als in der Wirklichkeit. Während der Text Olivias Fähigkeiten lobt, eine Sandburg zu bauen - "Inzwischen kann sie es schon ziemlich gut" -, ragt ein 20 Meter hohes Empire State Building hinter der sich sonnenden Mutter auf. Olivia versetzt Träume.

Ian Falconer:Olivia Aus dem Englischen von Monika Osberghaus; Oetinger Verlag, Hamburg 2001; 36 S., 24,- DM (ab 4 Jahren)