Jeder kriegt gerne Briefe: Briefe von Freunden, solche, in denen gefragt wird, wie es einem geht oder ob man zu einem Fest kommen und Torte essen möchte. Solche, in denen jemand von seinen Abenteuern erzählt. Die Briefe, die das Eichhorn schreibt, sind allerdings ein wenig seltsam. Einer der seltsamsten und schönsten ist der an die Ameise, der so geht:

"Liebe Ameise, Ameise, Ameise, Ameise, Ameise, Ameise, Ameise, Ameise ... (gekürzt) ... Liebe Ameise, Ameise. Eichhorn".

Und weil der Brief im kalten Winter geschrieben wurde, bekommt er noch eine Jacke angezogen und ein Mütze aufgesetzt, bevor er losgeschickt wird. Als der Brief ankommt (",Ich bin für Sie', sagte der Brief"), entwickelt sich eine wunderbare Konversation mit der Adressatin Ameise, die ihm auch etwas Süßes auf den Rand schreibt und etwas Warmes weiter unten. Abends, als der Brief zu Eichhorn zurückkommt, darf er bei ihm unter dem Kopfkissen schlafen.

So zauberhaft und albern sind die 26 kleinen Geschichten, die der Niederländer Toon Tellegen über das Briefeschreiben erzählt. Es kommen weder Briefmarken darin vor noch Postboten oder Briefkästen. Um die Realien des Briefverkehrs geht es nämlich überhaupt nicht.

Man schreibt einen Brief - zum Beispiel der Elefant an das Eichhorn, der Bär an alle, die Grille einfach so, die Schnecke an die Schildkröte und das Glühwürmchen an den Nachtfalter - und der Wind lässt ihn zuverlässig dahin flattern, wo er ankommen soll. Nur beim Maulwurf ist es anders: Der schreibt an sich selber und verbuddelt die Briefe in seinem Bau, bis er sie zufällig findet. Und dann ist er so gerührt, wenn da steht: "Lieber Maulwurf, du fehlst mir. Maulwurf", dass ihm die Tränen in die Augen steigen.

Mit den Tieren in den Kinderbüchern ist es immer so eine Sache: Sie fungieren meistens als Charakterfiguren, und das kann leicht moralisierend oder platt werden. Muss aber nicht:

Maulwurf neigt zur Melancholie, der Bär dagegen ist ein verfressener Egoist, bekommt aber trotzdem ganz viele Einladungen, wenn er in einem Brief um viel Torte bittet. Die Ameise ist kapriziös und die Blattlaus krankhaft schüchtern. Unter all diesen Typen bilden die Briefe die Wege und Umwege der Verständigung ab. Nicht jeder kann den anderen verstehen, aber irgendwie finden sie das nötige Wort, damit der Briefverkehr weitergeht. Manchmal funktioniert eine Botschaft auch auf einer außerschriftlichen Metaebene. Manchmal ist sie der pure Quatsch, aber das macht nichts, denn auch Quatsch ist eine Botschaft.