Sieht man die Welt mit den Augen des dicken Idde, wird das Gewohnte reichlich seltsam. Geht man zum dritten Mal in die gleiche, die fünfte, Klasse, erscheint das Leben wie eine Rechenaufgabe, deren Ergebnis vorhersehbar ist. Als wiederhole man ein Wort so lange, bis es sinnlos wird. Oder, wie Lehrer Dekkers erklärt: "Was aus einer Arbeiterhose geschüttelt wurde, wächst zu einem Arbeiter auf, so viel steht fest." Doch dick zu sein und dumm zu scheinen kann weiser machen, als mancher denkt.

Der dicke Idde lebt mit Delle, seiner Großmutter, in einem belgischen Dorf in Flandern. Als ihn Dekkers, der verhasste Lehrer, wieder einmal mit dem Rohrstock schlägt, reicht es dem zwar dicken, doch auch sehr starken Idde. Er hebt den Lehrer kurzerhand hoch - an den Garderobenhaken. Wo dieser hängen bleibt, bis er schließlich in den Wassereimer fällt und der Schuldirektor ihn dort findet. "Der dicke Idde ist nicht dumm, die Schule ist dumm ..." Dies könnte der Beginn einer Tragikomöde sein und entwickelt sich doch immer mehr zur Utopie, zu einer Reise in die Vergangenheit der fünfziger Jahre, zu einem Idyll voller Zwischentöne, in der Menschlichkeit die Armut begleitet.

Henri van Daele, 1946 geboren, der mit seinem feinfühligen Roman Ti für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2000 nominiert war, entwirft sein Bulllerbü, wo es keiner vermutet: in der ärmlichen Bahnhofsstraße, an der Mauer hinter der Fabrik, dort, wo 13-Jährige in der Kneipe Bier trinken und Zigaretten rauchen. Doch Idde hat Glück: Der Schulrektor versteht ihn, versetzt ihn per Dekret in die achte Klasse, wo er hingehört, und Pijp, sein neuer Lehrer, hält mehr vom Lebenlernen als von Textaufgaben. Sozialromantik könnte man da vermuten und hätte vielleicht ein bisschen Recht, wäre da nicht diese Sprache, der man jede lehrhafte Absicht verzeiht. Fons Idde ist glücklich, sein "Herz überspringt einen Schlag".

Fons findet seinen Rhythmus und damit sein eigenes, sehr praktisches Denken. Ob das Huhn oder das Ei zuerst gewesen sei, ist ihm kein Problem: Natürlich das Huhn, wer sollte denn sonst das Ei ausbrüten? Was Jesus zwischen seinem 12. und 30. Lebensjahr gemacht hat? Ob er vielleicht gar mit Maria Magadalena verheiratet war? Fragen, für die man sich die eigene Zeit nehmen muss. Und ganz gleich, wie gern und oft er sich mit dem Schwein unterhält, er spricht vor allem mit dem Schinken. "Hunde und Katzen haben einen Namen, Menschen haben einen Namen, überlegt der dicke Idde. Aber Schweine und Kaninchen nicht, denn das ist Fleisch ... Ein Tier, das man essen kann, hat keinen Namen."

Das Leben der Nachkriegszeit wird weich gezeichnet: mit Bruchkeksen und dem hellen Fleck an der Wand, wo das Bild des alten Königs hing, mit Nistkasten und Hahnenschlagen, dem Schweineschlachten und Holzstücken, die mit einer Glasscherbe zu Holzschuhen ausgeschabt werden. Doch das Buch bleibt kein erinnerungsselig eingerichteter Schaukasten, es öffnet sich zu einer Lehrstunde in Bescheidenheit und Liebe zum Nötigsten. Die Folie der armen Zeiten mag manchem konservativ erscheinen, hier führt sie dem Glück seine Essentialsvor: als Kastanienkönig und Murmelmeister an der Wurstbude stehen, über den Dorfplatz schauen und Pommes frites mit knuspriger Kruste essen.

Henri van Daele:Der dicke Idde Aus dem Niederländischen von Jeanne Oidtmann-van Beek und Peter Oidtmann; Anrich beim Beltz Verlag, Weinheim 2001; 178 S., 22,80 DM (ab 12 Jahren)