Berlin

Soldaten sind nervöse Leute. Viele rauchen, nicht wenige sind Kettenraucher. Militär ist Stress. Entweder muss alles ganz schnell und zack, zack gehen - oder man wartet auf Befehle. Und wartet. An der Spitze der Streitkräfte ist das Leben weniger fremdbestimmt, dafür sind die Anforderungen höher: Die Bundeswehr komplett umkrempeln zu müssen, dabei noch Geld zu sparen, die Verpflichtungen in Nato und EU zu berücksichtigen und die unruhige Truppe daheim wie im Balkan-Kriseneinsatz bei der Fahne zu halten - das zehrt. Wenn der Verteidigungsminister mit seinen Chefplanern und einer Hundertschaft Soldaten im Jet reist, kräuselt sich beißender Zigarettendunst dicht über allen Sitzen.

Nur ein einziger in der Führungsriege schmökt Zigarren, aufgeräumt und demonstrativ gelassen auch in diesen angespannten Tagen: Harald Kujat, seit Juni vergangenen Jahres Generalinspekteur der Bundeswehr und oberster Soldat von allen. "Ich bin eben Lustraucher!", sagt der 59-Jährige. Greift nach einer neuen Monte Cristo Nr. 4 und blinzelt dabei listig unter dem grauweißen Igelschopf. "Die ist schon prima, aber nich' so teuer wie Cohibas." Die Anspielung ist, typisch Kujat, selbstbewusst und bescheiden zugleich: Berlins prominentester Cohiba-Freund Gerhard Schröder, dem Lustprinzip durchaus gewogen, ist gleichfalls nicht für Nervosität bekannt.

Noch eine dritte Gemeinsamkeit gäbe es da, eine, die Kujat jovial herunterspielt: Macht. Das war nicht immer so. Die ersten zwölf Generalinspekteure der Republik waren als oberste Berater des Verteidigungsministers Scharnier zwischen Streitkräften und Politik, doch Macht hatten sie nicht; ob sie trotzdem Einfluss ausübten, hing allein von ihrem persönlichen Draht zum Minister ab.

Das grenzenlose Vertrauen des Verteidigungsministers

Das Zwiegespann Scharping-Kujat könnte inniger nicht sein: Der politisch ausgebuffte, international erfahrene Luftwaffengeneral hat den enttäuschten Kanzlerkandidaten vom ersten Tag an durch das verminte Gewässer seines neuen Amts gelotst und Klippen umschifft (Frauen, Schwule), an denen weniger Gewiefte rasch gescheitert wären. Der gekorene Reformstratege Scharping hat es ihm mit unbegrenztem Vertrauen gedankt. Kujat kann sich allerdings auch auf andere Säulen stützen, die renitente Inspekteure der Teilstreitkräfte womöglich mehr beeindrucken. Seit dem Reformbeschluss vom vergangenen Sommer ist der "GI" als Leiter des neuen Einsatzrates der Stabschef (die Vokabel Generalstabschef bleibt tabu) bei allen militärischen Einsätzen - also oberster Truppenführer unter dem Minister. Und er sitzt im Rüstungsrat, dem neuen Organ, das künftig über sämtliche Beschaffungsprojekte entscheiden soll. Eine sinnvolle Kompetenzenbündelung, gewiss - aber auch ein kräftiger Machtzuwachs für Kujat. Hauptarchitekt dieses Umbaus, als Leiter des Planungsstabs von Ende 1998 bis zum Sommer 2000: Harald Kujat.

Der Mann, der am Montagabend in der Berliner Julius-Leber-Kaserne noch spät bei ein paar trockenen Leibniz-Keksen über den neuesten Meldungen aus Mazedonien brütet, ist mittelgroß, bebrillt, wirft einen eher rundlichen Schatten. Am Samstag hat er die 1200 deutschen Kameraden in Tetovo, nahe der Grenze zum Kosovo, besucht - dort, wo albanische Freischärler und mazedonische Truppen einander seit Tagen Kugeln um die Ohren jagen. Herr Kujat, was sagen Sie der Familie des ersten Bundeswehrsoldaten, der dort im Gefecht sein Leben lässt?