Thomas W. Gaehtgens ist Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, in Paris hat er 1997 das Deutsche Forum für Kunstgeschichte gegründet, als dessen Direktor er gerade Bundeskanzler Schröder in den historischen Räumen an der Place des Victoires begrüßte. Der Kanzler begeistert bei der Kunstgeschichte - Fortsetzung vielleicht in Berlin? Thomas Gaehtgens jedenfalls ist auch ein hervorragender Diplomat in seinem Fach, er kennt sich aus unter den Kollegen an der Universität und in den Museen zwischen London, Washington, Paris und Berlin. Er hat schon manchen jungen Kunsthistoriker in die Umlaufbahn gebracht und freute sich daher, als eine Studentin, die eine glänzende Magisterarbeit abgeliefert hatte, in seine Sprechstunde kam. Für eine hervorragende Dissertation schienen alle Weichen gestellt. Die junge Dame aber wollte nicht ihre akademische Zukunft bereden, sondern sich verabschieden. Sie hatte sich für eine Ausbildung zur Kriminalinspektorin beworben und war unter knapp 1000 Kanditaten ausgewählt worden. Warum? Weil sie, wie sie dem verhinderten Doktorvater erzählte, gelernt hatte, präzise, sachlich und umfassend zu beobachten, das Wahrgenommene klar geordnet und stilistisch einwandfrei zu referieren und dann eine Schlussfolgerung anzubieten. Alles dieses hatte sie im kunstgeschichtlichen Studium gelernt, wofür sie sich bedankte, und man wünschte einander alles Gute. Immerhin einen Menschen mag es geben, den diese Geschichte überhaupt nicht erstaunen würde: den Historiker Carlo Ginzburg. In seinem Aufsatz Spurensicherung schreibt er, unter Hinweis auf die Methoden des Sherlock Holmes: "Der Kunstsachverständige ist dem Detektiv vergleichbar: Er entdeckt den Täter (der am Bild schuldig ist) mittels Indizien, die dem Außenstehenden unsichtbar bleiben."

Wie und zu welchem Ende studiert man heute Kunstgeschichte? Um dem Fach nach der Magisterarbeit oder der Dissertation trauernd den Rücken zu kehren, den schönen Schein und die bösen Bilder hinter sich zu lassen und nur das Handwerkszeug mitzunehmen, wofür auch immer? Oder um zu den 1,4 Prozent der Absolventen zu gehören, die im Museum oder an der Universität, in der Denkmalpflege, bei einem Verlag oder bei einer Zeitschrift, in einem Archiv oder einer Bibliothek arbeiten können, begehrte Positionen, und dass man in allen diesen Berufen die Berufung mit schlechtem Verdienst bezahlt, versteht sich von selbst. Circa 1200 Mark netto verdient der junge Wissenschaftler, der, weil er ein exzellentes Examen gemacht hat, so glücklich ist, eine der raren Volontärsstellen an einem der Museen des Landes zu bekommen.

Das Studium der Kunstgeschichte, die einmal als Orchideenfach galt und als Domäne der höheren Töchter, hat sich in den letzten Jahren in einem Maße gewandelt wie kein anderes Fach der Philosophischen Fakultät. Zwar bedauert Thomas Gaehtgens den dramatischen Rückgang der Spezies höhere Tochter, weil diese nicht nur wohl erzogen, sondern auch wohl ausgestattet war mit den Grundbegriffen bürgerlicher Bildung. Andererseits freut es ihn, dass das kunstgeschichtliche Studium heute so unerwartete Früchte tragen kann. Und natürlich ist ihm das lieber als das vertraute Grübeln darüber, wie man diesen und jenen jungen Kollegen mit hervorragenden Examina hier durch ein minimales Stipendium und dort mit einem kleinen Editionsauftrag hinweghelfen kann über eine Situation, die sich möglicherweise nie verbessern, nie in einer festen Position enden wird. Dass zu diesem Studium auch eine große Leidensfähigkeit gehört, erzählt einem fast jeder, aber immerhin ist es ein durch das Sujet nobilitiertes Leiden. Dass es aber zweifelsohne ein Privileg sei, dieses Fach studieren zu können, unterrichten zu dürfen, sagt einem der ewige Student genauso wie der Lehrstuhlinhaber.

Was der Kunsthistoriker von der Welt und diese von ihm erwartet, ist schon weniger leicht zu erfahren, vor allem wohl auch deshalb, weil beide kaum etwas erwarten voneinander. In der Zeit der Sintflut der Bilder ist das allerdings eine Attitüde, die von beiden Seiten zu überdenken sich lohnt. Für den Kunsthistoriker, der gerade eine elaborierte Abhandlung über den Diskurs von Faltenwurf und Locke im Spätwerk von Tilman Riemenschneider publiziert, wie auch für den Art-Director der Werbeagentur, der das Frühlingsangebot einer Miederwarenfirma ins rechte rosa Littfasssäulenlicht zu rücken wünscht. Und der nicht priviligierte Mensch, der das Geld, das der Kunsthistoriker nicht verdient, ausgeben muss, fragt sich, warum denn die neue Jil-Sander-Werbung das Gesicht einer blonden, jungen Frau zeigt, der ein Faden über Nase und Wangenknochen gezogen ist. Was hat das mit dem Pullöverchen aus Cashmere/Seide zu tun? Hier möchte man, im Namen der kunsthistorisch präparierten Kriminalkomissarin sagen: Gaehtgens, Bredekamp, Warnke, Kemp, Boehm, Belting und andere: Übernehmen Sie!

In Deutschland studieren zurzeit rund 12 300 Studenten bei 452 Kunsthistorikern an 54 Instituten Kunstgeschichte. Die Regelstudiendauer von neun Semestern wird in der Praxis kaum jemals eingehalten, die meisten Studenten sind Anfang oder Mitte dreißig, wenn sie die Universität, so oder so, verlassen. Eine Studienordnung, die von Kiel bis Konstanz gilt, gibt es nicht, insgesamt aber ein Nord-Süd-Gefälle, was die Verschulung, das Insistieren auf traditionellen Kenntnissen betrifft. Generell folgt auf ein viersemestriges Grundstudium eine Zwischenprüfung und ein fünfsemestriges Hauptstudium, die Teilnahme an Vorlesungen, Seminaren und Exkursionen wird durch Scheine nachgewiesen. Es ist ein eher locker gewirkter Studiengang, der hier zu absolvieren ist und in dem Informationen für die Praxis späterer Berufe eher nicht vorkommen. In Hamburg allerdings hat man seit einem Jahr ein einsemestriges Praktikum eingeführt, bei dem die Studenten drei Tage pro Woche in der Kunsthalle, am Museum für Kunst und Gewerbe oder beim Denkmalschutzamt arbeiten und so, wenn sie Glück haben, einen ersten Einblick bekommen in Themen wie Ausstellungsaufbau, Leihverkehr, Restaurierung oder Katalogproduktion.

Man sollte meinen, dass der Andrang zu diesen zehn Praktikantenstellen groß ist. Dass der Wettbewerb hier aber erstaunlicherweise kaum stattfindet, hat vielleicht auch damit zu tun, dass über 50 Prozent der Kunstgeschichtsstudenten teils jobben, teils einen richtigen Beruf haben. Die Tendenz, die klassischen Nebenfächer Archäologie und Italienisch durch Jura oder Betriebswirtschaft zu ersetzen, macht ohnehin deutlich, dass die Studenten, auch wenn sie kein klares Berufsziel haben, sich ein paar Kenntnisse für die eher nüchternen Seiten eines möglichen Berufs verschaffen wollen. Denn das Studium der Kunstgeschichte ist ein wissenschaftliches, nicht in dem Sinne auf einen Beruf orientiert, wie es das Jura- oder Medizinstudium ist.

Andererseits: Nirgendwo sonst gibt es so viele Studenten der Kunstgeschichte wie im deutschsprachigen Raum. Und: Durch Wissenschaftler wie Heinrich Wölfflin, Alois Riegel und Erwin Panofsky war das Fach bis 1933 geprägt von diesem Raum, in dem es auch einmal seinen Anfang genommen hatte. Mit Erwin Panofskys 1936 publiziertem Essay On Movies (mit dem Titel Stil und Stoff im Film auf Deutsch erschienen) war der Impuls gegeben, die Kunstgeschichte in einer Bildwissenschaft fortzusetzen. Aber der englische Titel sagt bereits, dass diese Arbeit in der Emigration entstand und die deutsche Kunstgeschichte sich in einem anderen Land und in einer anderen Sprache abhanden kam. Die aus Deutschland vertriebene Ikonologie wurde an der amerikanischen Ostküste weich gespült in den Visual Studies.