Die Welt funktioniert - zumindest aus der Sicht unserer Zitadellenzivilisation. Die brutale Verelendung ganzer Kontinente tangiert unseren Humanismus nur zur Weihnachtszeit. Wir finanzieren ein paar Dutzend Diktatoren, was uns nicht hindert, humanitäre Bomber gegen ausgesuchte Feinde der Freiheit loszujagen. Umweltkatastrophen werden bereits in billiardenschweren Fünf-Jahres-Schadensplänen taxiert, aber niemand muss deshalb auf seinen Jeep in planen Metropolen verzichten. Die Welt funktioniert, aber sie stimmt nicht. Jeder ahnt das auf seine Weise. Doch was richten Zweifel aus gegen die terroristischen Gewissheiten des "Realen"? Und so flüchtet jeder nach seiner Façon in die trügerischen Zeremonien des Realismus - der außer Geld und Waffen fast keine Dogmen braucht und sich mit den spirituellen Séancen des parlamentarischen Raumes begnügt.

Und wenn es doch einer wagte, seine Stimme zu erheben? Ungefähr davon handelt der jüngste Roman von Tom Coraghessan Boyle, Ein Freund der Erde. Tyrone O'Shaughnessy Tierwater ist so ein Freund der Erde. Im Laufe seiner Karriere als Umweltschützer macht er eine bittere Entdeckung: "Um ein Freund der Erde zu sein, muß man zum Feind des Menschen werden." Das bringt wunderbar auf den Punkt, warum Ty Tierwater allmählich zu einem Monstrum der Güte wird, werden muss. Denn jede Mission im Namen des Guten ist von Anfang an vergiftet. Früher oder später verlangt sie, dass Köpfe rollen - und falls es Heilige geben soll: auch der eigene.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wird Tierwater zum militanten Umweltschützer. Bereits in mittlerem Alter und einigermaßen wohlhabend, ergreift er eines Tages die Partei der Stimmigkeit. Nicht der Herr persönlich beruft ihn, sondern Andrea - eine ökologische Amazone. Auf erotischen Krücken stolpert Ty ins Reich der Weltverbesserung. Und dann gibt uns T. C. Boyle zu spüren, was es heißt, wenn man dem Guten gleichsam ungeschützt begegnet. Die Evidenzfunken der Stimmigkeit durchdringen selten das Dunkel der Welt, ihr Licht ist nicht einmal vorgesehen - es sei denn in Form von Besinnungsaufsätzen einiger Nobelpreisträger und Moralfacharbeiter.

Wie wahrscheinlich jeder, der sich der ungeheuren Gewalt im ungeheuren Lauf der Dinge bewusst wird, begreift auch Ty Tierwater die rebellische Regelverletzung als notwendige legitime Gegengewalt. Jedoch führt nicht jede Demonstration in die Tagesschau, manche bloß ins Gefängnis. Ty wird es gleich zu Anfang seiner Revolte erleben. Ihm dämmert, dass der gerechte Zorn nicht auf Wirkungshöhe mit den Intrigen des real existierenden Realismus verkehrt. Aber beim besten Willen wird es ihm niemals ganz gelingen, seine Menschenwut sauber als Strategie zu kommunizieren. Dabei könnte er von Andrea lernen, wie man die Gespenster der Kritik auf mittlerer Betriebstemperatur hält. Doch er ahnt, wenn der Protest sich organisiert, funktioniert er bald nur noch. Ähnlichkeiten mit deutschen Verhältnissen sind von dem amerikanischen Romancier gewiss nicht beabsichtigt - und umso verblüffender.

T. C. Boyle nimmt gleich am Anfang (fast) das Ende vorweg: Die Mission der Umweltrettung scheitert. Im Jahre 2025, in dem der Roman teilweise spielt, versinkt Kalifornien in sintflutartigen Regenfällen, die sich mit Perioden höllischer Hitze abwechseln. Die gewaltigen Klimaveränderungen haben die Menschen zwangsweise zu Vegetariern gemacht, große Teile der Erde sind unbewohnbar geworden. Die Apokalypse kam nicht als Nukleargewitter, sie pflügt seit zwei Jahrzehnten den Planeten um. Selbstredend sind der Realismus und sein Personal mehr denn je am Ruder, während Ty eine Arche Noah der Luxusklasse bewirtschaftet. Nunmehr 76 Jahre alt, arbeitet er für einen schwerreichen Popstar mit legendärer Vergangenheit, der beschlossen hat, wenn schon nicht die Menschheit, dann wenigstens ein paar fast ausgestorbene Tierarten zu retten: Löwen, Hyänen, Kojoten. Sozusagen als Basismaterial zukünftiger Evolutionen.

Der Roman mischt temporeich zwei Zeitebenen: die Jahre um 1989 und die Gegenwart von 2025/26, als Ty nach vielen Jahren der Trennung Andrea wiedertrifft und in beider Leben sich noch einmal einiges ändern wird. T. C. Boyle gelingt das Kunststück, einen spannenden Reißer zu schreiben und zugleich die action drift gleichsam stillzustellen, indem er den Ausgang der Geschichte in mancher Hinsicht frühzeitig vorwegnimmt. Genau diese Technik erlaubt es, die individuellen Dramen des Aufstandes im romanesken Experiment durchzuspielen: Weltverbesserung und Gesellschaftskritik als schmerzhafte Existenzform und permanente Gemütskrise.

An Ty Tierwater ermessen wir die Unbedarftheiten der Empfindsamkeit, mit der ein Freund der Erde die Geschäfte der Menschen angreift. Wir ahnen die Fallen des Fundamentalismus und der eisigen Rechthaberei, und nicht zuletzt spüren wir die bösen Bisse der Wachhunde des Realismus. Mag sein, dass Ty anfangs heroische Posaunen zu hören glaubte, am Ende ist er ein zerzauster alter Mann, der sich vielleicht ein bisschen näher gekommen ist. So nahe, wie man sich eben kommen kann in einer Welt, die einem nicht gehört und in der man sich nicht gehört.