Es ist schwer, nach Paul Celan in deutscher Sprache Gedichte zu schreiben. Er hat die Moderne an ihr Ende geführt, und seine radikale Ästhetik, das Unsagbare doch noch einmal sagbar zu machen, lässt keine Weiterentwicklung zu. Dass Celans Sprache, trotz ihrer Schroffheit und Reinheit, in konkreten historischen und biografischen Bedingungen wurzelt, ist seinen Gedichten ein ums andere Mal abzulesen: Er war Ostjude, er schrieb in der Sprache seiner Mutter und der Mörder seiner Mutter, aber er lebte mit einer kurzen, halbjährigen Ausnahme nie im deutschen Sprachraum. Celans Witwe Gisèle achtete bis zur ihrem Tod 1991 konsequent darauf, dass von den Lebensumständen des Dichters nichts außer den autorisierten literarischen Texten an die Öffentlichkeit gelangte.

Unter der Verkarstung, die Celan in der deutschen Sprache auf unwiderlegbare Weise freilegte, unter der vermeintlich unübersehbaren Fläche von Ungeschriebenem und Verschwiegenem verbarg sich jedoch eine ganz eigene Dynamik. Den weitaus größten Teil in Celans Nachlass nehmen Notate, Tagebücher und vor allem Briefe ein, darunter wohl mehr nicht abgesandte Briefe als solche, die ihre Adressaten erreichten. In den letzten Jahren sind einige Zeugnisse erschienen, die den Alltag Celans beleuchten: die Briefwechsel mit Nelly Sachs und Franz Wurm etwa, die Marbacher Ausstellung über Celan als Übersetzer oder die jüngst veröffentlichte Dokumentation über dieGoll-Äffäre, den skandalösen Plagiatsvorwurf von Claire Goll, einen zentralen Punkt in Celans Leben.

Das waren jedoch alles Vorläufer. Was jetzt, als Höhepunkt, gleichzeitig auf Französisch und auf Deutsch vorliegt, hat eine neue Dimension. Der Briefwechsel Celans mit seiner Frau, der aus einer katholischen, französischen Adelsfamilie stammenden Gisèle des Lestrange, legt Fakten offen, die man bisher nur ahnen konnte, lässt die Persönlichkeit Paul Celans in all ihren Facetten erkennen und gibt unerwartet konkrete Aufschlüsse über die Entstehungsbedingungen seines Werks. Gleichzeitig ist es eine bewegende Liebesgeschichte, die von der Möglichkeit und Unmöglichkeit einer Liebe unter unvergleichlichen Bedingungen erzählt.

Das Brisante dieses Briefwechsels liegt vor allem in den Anmerkungen versteckt. Bertrand Badiou, der französische Germanist und Vertraute Eric Celans, des Sohnes und Alleinerben, kommentiert die einzelnen Briefe äußerst detailliert und mit Bezug auf die Tage- und Notizbücher der beiden Protagonisten. Zum ersten Mal erhält die Öffentlichkeit Einblick in intime Aufzeichnungen Celans. Sie werden ausführlich zur Erläuterung einzelner Ereignisse herangezogen, und zentral sind dabei oft Briefstellen, bei denen man Ab- und Hintergründe zwar spürt, aber nicht zu benennen weiß.

Der Briefwechsel ist auch ein Anlass dafür, vieles von dem, was in Celans Nachlass liegt, in diesem Zusammenhang mitzuteilen. Offenkundig ist der Sensationseffekt wegen der Dokumente zum Verhältnis zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann. Es hat in der Germanistik der letzten Jahre immer engere Kreise gezogen, Symposien wurden darüber abgehalten und Sammelbände veröffentlicht, und man hat sich dabei vor allem auf das literarische Verweissystem zwischen Celan und Bachmann kapriziert, ein unterirdisches Geflecht von Zitaten und Anspielungen, das auf etwas geheimnisvoll Biografisches verwies. Die unterkühlt wirkenden Sätze, die Bertrand Badiou in seinem Editorischen Nachwort dazu fallen lässt, werden jeden elektrisieren, der sich mit diesen beiden herausragenden Autoren der jüngeren deutschsprachigen Literatur beschäftigt:

"Vor 1967 lassen sich die Zeiten, in denen die Celans sich wenig oder gar nicht schreiben, in aller Regel dadurch erklären, dass sie zusammen leben oder zusammen verreisen. Auszunehmen ist hier lediglich die Zeit zwischen Herbst 1957 und Juni 1958, in der nur sehr wenige Briefe gewechselt wurden, obwohl Paul und Gisèle Celan häufig getrennt sind. Celans parallele Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann in eben diesem Zeitraum mag dabei eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben."

Bekannt war, vor allem durch Bachmanns Roman Malina, dass sich Bachmann und Celan in einer frühen Phase abseits jeglichen Literaturbetriebs getroffen und geliebt haben: in Wien in der ersten Hälfte des Jahres 1948, als Celan sich zwischen seiner Zeit in Bukarest und seinem endgültigen Exil in Paris dort aufhielt. Verbürgt war auch die Reise Bachmanns nach Paris Ende 1950, die an diese Beziehung wieder anknüpfen wollte, und vor kurzem ist ein Brief Bachmanns aus dieser Zeit an Hans Weigel öffentlich gemacht worden, in dem sie vom Scheitern dieses Versuchs spricht: "weil wir aus unbekannten, dämonischen Gründen uns gegenseitig die Luft wegnehmen".