In Warten auf die Barbaren gibt es genau einen Satz, den man als Scherz ansehen kann, es ist der erste: "So etwas habe ich noch nie gesehen: zwei kleine, runde Drahtringe vor seinen Augen. Ist er blind?" Die Drahtringe sind dunkel verglast. Und schon hat J. M. Coetzee die Ausgangssituation des Romans etabliert: Weit abgeschieden und außerhalb der Zeit liegt der Ort, in welchem der Mann lebt, der keine Sonnenbrille kennt. "Zu Hause trägt sie jeder", sagt der andere, der aus der Hauptstadt kommt. Er erklärt dem Bewohner der Grenzoase die Vorzüge: "Hier draußen in der Wüste könnte Ihnen das helfen. Man braucht dann nicht mehr ständig zu blinzeln. Man hat weniger Kopfschmerzen."

Oberst Joll ist von der Abteilung III der Staatssicherheit des Reichs. Der Magistrat und Ich-Erzähler zeigt ihm die beiden einzigen Gefangenen: Vater und Sohn, die in einem Holzschuppen sitzen. Ein richtiges Gefängnis braucht es nicht, viel zu ruhig ist die Grenze des Reichs. Wenn es im Spätsommer nachts noch immer zu heiß ist, legt der Magistrat seine Matte auf die Stadtmauer, "wo der leichte Nachtwind die Hitze etwas erträglicher macht. Auf den flachen Dächern kann ich im Mondlicht die Gestalten anderer Schläfer erkennen." Die Zustände, so Coetzee mit nur dieser Bemerkung, sind paradiesisch.

Oberst Joll ist nicht überzeugt von dem Frieden. Er wird sich die Gefangenen, zwei Barbaren, noch anschauen. Der Magistrat wird versuchen, nicht hinzuhören. Dreißig Jahre lang hat er seinen Dienst ruhig versehen. Warum soll er sich aufregen lassen? Doch später ist irgendetwas in ihm zu weich. Er geht über den Hof und schaut sich den gefolterten Jungen an, dessen Vater nicht mehr lebt. Doch als der Oberst von einer Strafexpedition gegen die Barbaren mit neuen Gefangenen zurückkommt, bleibt der Magistrat höflich. Was kann er allein dagegen tun, dass das Reich seine Feinde braucht?

Und nun folgt einer jener Wendepunkte, die in den Romanen Coetzees überraschen, gerade weil sie klar und geradlinig aufgebaut sind. Und die sie, allein von der Dramaturgie ihrer Handlung her, spannender machen als jeden Roman, dessen einziges Ziel Spannung ist: Als der Oberst nach all seinen Verhören wieder abgezogen ist, nimmt der Magistrat eine junge Barbarenfrau zu sich ins Haus, die am Stadttor gekauert hat, beginnt ihr die Füße zu waschen, sie zu massieren, ohne dass er ein sexuelles Bedürfnis verspürte. Die Frau ist nicht einmal schön. Und der Magistrat, der früher kein guter Mensch war, der seine Machtposition bei den hübschen jungen Mädchen des Orts immer ausgenützt hat, weiß nicht, wie ihm geschieht. Will er sich reinwaschen oder von ihr nur den Schmerz hören? Denn auch sie ist eine, die der Oberst hat foltern lassen, der gesagt hat, der Schmerz sei die Wahrheit. "Erzähl es mir", möchte er zu dem Mädchen sagen, "mach kein Geheimnis daraus, Schmerz ist nur Schmerz", aber er findet die Worte nicht.

Man hat den 1940 in Kapstadt geborenen John Marie Coetzee, einen englisch erzogenen Buren, den Sohn eines heruntergekommenen Rechtsanwalts, immer wieder mit Kafka verglichen. Und in Das Leben der Tiere, seinem Traktat über den menschlichen Umgang mit ihnen, hat sich Coetzee auf Kafkas Bericht für eine Akademie bezogen. Auch in Warten auf die Barbaren sind die Analogien offensichtlich; bis hin zur Formulierung, dass der Magistrat die junge Frau nicht gehen können lassen wird, bis er die Zeichen des Schmerzes auf ihrem Körper verstanden hat.

Was Coetzee von Kafka unter anderem trennt, auch in diesem sehr allegorischen Buch, ist der andere Bezug zur Gegenwart. Der Barbaren-Begriff wird bei Coetzee nie aufgelöst. Und die Macht hinter Joll erinnert natürlich ans Schloss. Doch die Ortlosigkeit, die die meisten Texte Kafkas so universal macht, ist bei Coetzee immer wieder von Realitätspartikeln durchsetzt: Die Barbaren haben charakteristische Augenbrauen und einen breiten Mund, doch hartnäckig wird ihre Hautfarbe ausgespart. 1980, als Warten auf die Barbaren auf Englisch erschien, ging es für die Leser darin auch um die Unruhen nach der Ermordung des Schwarzenführers Steve Bico. Man will immer wieder sagen: Die sind die Weißen, jene die Schwarzen, doch man kann es nicht. Coetzee schafft das Kunststück, dem Publikum den double-bind zwischen konkreter Situation und Diktatur-Diskussion nicht zu ersparen.

Coetzee - das hat ihn, so sagt man, bisher den Nobelpreis gekostet - erlässt seinen Figuren nie den ideologische Zweifel. So ist es zwar unübersehbar, dass der Magistrat der Einzige ist, der für die Barbaren kämpft und der Vertreter des minimalen Anstands, einer minimalen Gerechtigkeit ist. Doch ist er dies auf eine derart gefährdete, wankelmütige Weise, dass Warten auf die Barbaren auch Kritik von Schwarzen erhielt. Angesichts eines seiner Folterknechte denkt der Magistrat so sarkastisch wie müde: "Der Weg nach oben muss schwer sein für junge Männer ohne Geld, ohne Gönner, mit keiner nennenswerten Schulbildung". Und als er die Barbaren verteidigt, sich mit jedem Wort in Gefahr bringt, denkt er auf einmal: Was mache ich eigentlich hier? "Erhoffe ich wirklich den Sieg der barbarischen Lebensweise: Stumpfheit des Geistes, Schlampigkeit, Ertragen von Krankheit und Tod?"