Es ist nicht gleich der erste Satz, mit dem dieser Roman in seinen Bann schlüge; der Autor braucht Zeit, bis er eine gewisse Umständlichkeit abgelegt und sich frei geschrieben hat. Dann aber legt Sherko Fatah richtig los und einen Erstling vor, der über die gelenkigen Fingerübungen vieler seiner Alterskollegen weit hinaus ist. Dieser Autor, 1964 als Sohn eines kurdischen Vaters in der DDR geboren, siedelte mit seiner Familie 1975 in den Westen über und lebt heute in Berlin. Er hat eine Geschichte zu erzählen, für die es in der deutschen Literatur kaum Vergleiche gibt, und er tut dies auf eine Weise, wie man sie hier sonst nur von Übersetzungen kennt. Dass sie mittlerweile auch von Autoren geschrieben wird, die Sherko Fatah heißen und als Deutsche aus dem Fundus von Familientraditionen schöpfen, die sie mit entlegenen Weltregionen verbinden, beginnt die deutsche Literatur unverkennbar zu bereichern. Es bringt ihr neue Themen, fremde Tonlagen, ungewohnte Perspektiven, kurz: Welt.

Surreale Figuren in einem verminten Gelände

Am Beginn des Romans freilich fürchtet man, der Autor werde sich an einer spezifisch deutschen Literatur von 1950 orientieren, als das Grauen über den gerade zu Ende gegangenen Krieg sich in ein unverdrossenes Symbolisieren flüchtete und es allenthalben heftig allegorisch zuging. In der Stadt hinter dem Strom (Hermann Kasack) oder bei der Gesellschaft vom Dachboden (Ernst Kreuder) , um zwei Schlüsselwerke jener Jahre zu nennen, ist jedes Flüsschen verdächtig, ein kleiner Styx zu sein, über den die Brücken nicht nur vom einen in den anderen Stadtteil, sondern vom Diesseits ins Jenseits führen.

Auch in Sherko Fatahs Roman hat eine Diktatur surreale Züge angenommen und ein Krieg gerade das Land verwüstet, auch sein titelgebendes Grenzland scheint keine bestimmte Region, sondern eine existenzielle Situation zu bezeichnen, und auch er gibt seinen Figuren, "dem Schmuggler", "der Mutter", "dem Onkel", "den Soldaten", scheinbar mythische Größe. Bald aber merkt man, dass die merkwürdig surreale Stimmung jene Welt selbst charakterisiert, in der der Roman spielt, und dass die Archaik kein apartes Accessoire der Figuren, sondern deren reale Lebensform darstellt.

Das Grenzland, in dem der Roman angesiedelt ist, liegt offenbar im Dreiländereck von Iran, Irak und der Türkei. Schon dass die Region nicht mit den bekannten Termini bezeichnet wird, ist keine literarische Verdunkelung, sondern realistisches Detail. Die Leute, die dort in abgelegenen Dörfern siedeln, gehören Stämmen an, denen ein nationales Bewusstsein, durch das sie sich als Türken, Iraner oder Iraki empfinden würden, durchaus fehlt. Auf irakischer Seite ist die Region in ein riesiges Minenfeld verwandelt worden, durch das anfangs das Militär mit seinen Landkarten, in denen die Lücken im Minengürtel eingezeichnet sind, noch seinen Weg fand. Inzwischen hat der Regen die Minen weggeschwemmt, sie haben sich mit Lehm verklumpt, das Land ist zur Einöde des Todes verkommen. "Was sie neulich von dem Bauern, der aufs Feld hinausgegangen war, zurückbrachten, war ein komplettes Bein. Genau der Teil von ihm war übriggeblieben, mit dem er die Panzermine berührt hatte."

Statt der Bauern bewegen sich im Niemandsland versprengte Freischärler, die irgendwann eigentlich das Regime in Bagdad bekämpfen wollten, Räuberbanden, die sich aus den an die Grenze verschickten Soldaten rekrutieren, und die Sondereinheiten der vielen miteinander konkurrierenden geheimen Dienste, die das Land terrorisieren. Und "der Schmuggler".