Die Bundesrepublik der achtziger Jahre ist ein linksrheinisches Atlantis. Es mehren sich die literarischen Versuche, daran zu erinnern. Kennzeichnend dafür sind neue "Namen die keiner mehr nennt": Markennamen von Objekten einstiger Begierden - der Braune Bär und das Dolomiti-Eis mit dem echten, dem giftigen Grün - und Namen wie Bonanza-Rad oder Wickie. Eine nostalgische Archäologie der Zeiten von Reagan und Kohl, bei der man sich nie ganz sicher sein kann, ob hinter dem Wunsch, private Erfahrung historisch einzuordnen, nicht eine getarnte Egozentrik steckt: Kindheitserinnerungen gewinnen mit einigen schnell genannten Namen den Anschein relevanter Zeitzeugnisse. Unter anderem aus diesem Grund gilt das Genre einem feinsinnigen Bobachter wie Max Goldt schon wieder als abgewirtschaftet. Frank Goosens Erstlingsroman Liegen lernen müht sich dennoch, diesem Genre irgendwie zugerechnet zu werden. Dazu dienen einige wohl platzierte und rasante, wie für Rezensionen geprägte Slogans: "Die achtziger Jahre waren keine gute Zeit, um erwachsen zu werden." Dabei schneiden sie im Vergleich zu den Vierzigern eigentlich ganz gut ab.

Den Umschlag ziert eine Vinylplatte. Das ist die zweite Achse des Koordinatensystems. Dass so viele Autoren Popmusik zur Gliederung ihrer Romane suchen, ist einleuchtend: Popsongs kennt jeder, sie wecken starke Assoziationen, und sie stellen ein simples Ordnungssystem bereit: Wer in den Achtzigern aufwuchs, weiß, welche Leute Modern Talking hörten und welche die Beastie Boys. Freilich weiß man auch, wer wie Helmut, der Protagonist des Romans, Barclay James Harvest hörte.

Ist Liegen lernen wirklich eine Schnittmenge von Florian Illies' Generation Golf und Stuckrad-Barres Soloalbum? Weit gefehlt. Die junge deutsche Popliteratur ist eine Literatur der Mobilität, der schnell wechselnden Trends, der ironischen Anspielungen und vor allem des Reisens. Bei Goosen fällt hingegen die Immobilität des Protagonisten auf, der im Ruhrgebiet aufwächst, studiert und arbeitet. Einmal reist er nach Berlin. Doch eine andere, geradezu altmodische Form von Mobilität prägt Helmuts Leben, eine, von der heute kaum noch jemand spricht: der soziale Aufstieg.

Liegen lernen ist ein Bildungsroman, der Pierre Bourdieus Arbeiten über die Klassenbedingtheit ästhetischer Urteile sehr gut illustriert. Da sind die Gerüche. Bei Helmut, im Haus seiner wortkargen, kalten Eltern, riecht es nach altem Blumenkohl. Nachdem er studiert hat und Assistent geworden ist, hält er es ohne Parfüm kaum noch aus. Liegen lernen ist auch eine Hommage an die in den siebziger Jahren gegründeten Ruhr-Unis. Es illustriert, wie das Hochschulstudium in Regionen, wo der Arbeitsmarkt zeitweise kaum vorhanden war, soziale Mobilität beförderte, ohne dass man die Heimat verlassen musste.

Ein anderes altmodisches, vergessenes Thema ist Politik. In den Achtzigern in der Bundesrepublik, daran erinnert Goosen, saßen Leute im Wohnzimmer und redeten über Nachrüstung, Nicaragua, Tschernobyl. Heute gibt es das nicht mehr. Politik hat sich aufgelöst in Medien-, Rechts- und in Wirtschaftsthemen. Doch diese Themen behandelt Goosen leider nur am Rande. Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht nämlich das Verhältnis des Protagonisten Helmut zu den Frauen: erst zu seiner Jugendliebe, der schönen, klugen, viel zu tollen Britta, dann zu einer Reihe von anderen bis zu Tina. Auch das ist typisch für die Achtziger, über die Helmut Kohl zu Recht sagte: "Die Deutschen suchen ihr Glück heute im Privaten."

Hier gelingen Goosen die eindringlichsten Momente des Buchs. Sie finden sich in ganz kurzen Sätzen. Britta, Helmuts große Liebe, ist lange Jahre verschwunden. Nach der Maueröffnung sucht er sie in Berlin. Er findet sie sogar, leider. Denn Britta ist ganz schräg drauf, betrügt und verhöhnt ihn. Helmut reist zurück ins Ruhrgebiet, enttäuscht, allein. Dort verkriecht er sich in einer kahlen Wohnung, kommt kaum aus dem Bett und schaut ununterbrochen fern. Er leiht sich alle Star Wars-Filme auf einmal aus. "Doch die Macht war nicht mit ihm." Kann man es treffender sagen? Und dann ist Goosen manchmal richtig komisch. Eine Trennungsszene: Helmut ist von seiner Freundin Gisela mit einer WG-Mitbewohnerin im Bett erwischt worden, im Zimmer nebenan. Gisela weint und fragt: "Liebst Du sie denn?" - "Nein." - "Und wie ist es mit mir?" - "Keine Ahnung. Liebst Du sie?"

Doch zwischen diesen Momenten gibt es immer noch sehr viel Buch. Der Leser folgt Helmut von einer Frau zur nächsten. Außer Britta imponiert ihm kaum eine. Dabei bleibt er stets der alte Helmut, betreibt an seiner Ruhr-Uni etwas Geschichtswissenschaft, die arg oberflächlich dargestellt ist, trinkt Bier und schaut fern. Irgendwann stellt man sich die Frage, was diese interessanten, vielseitigen Frauen immer an diesem bald stummen, bald rechthaberischen Helmut finden. Und da kommt man an den brisanten Kern des Buchs. Liegen lernen beantwortet die unerbittliche Frage, die sich einem stellt, wenn man solche Paare aus attraktiven Frauen und drögen Männern kennen lernt, nämlich: Was denkt sich dieser Typ eigentlich? Wer 300 Seiten über das Leben von Helmut nicht scheut, wird mehr Antwort finden, als er sich je gewünscht hat.