Alles beginnt in der engen, dreckigen Suppenküche von Mutter Cho in der birmanischen Königsstadt Mandalay im Jahr 1885. Dort hat ein zwölfjähriger zerlumpter indischer Junge eine Anstellung als Küchenjunge gefunden, ein Ereignis, das ihm nicht nur das Überleben sichert, sondern sein ganzes späteres Schicksal bestimmen wird. Denn die Garküche liegt unmittelbar vor den Festungsmauern des Königsschlosses mit seinen goldenen Säulen und edelsteingeschmückten Zimmern, in dessen Mitte sich der Thronsaal des Glaspalastes von Thebaw erhebt, des letzten Königs von Birma. Gleich auf den ersten Seiten des Romans marschieren die Engländer in Mandalay ein, setzen den König ab und schicken ihn in ein demütigendes Exil nach Indien, so wie sie zuvor den letzten indischen Kaiser nach Birma geschickt haben. Der Palast und seine Schätze werden zur Plünderung freigegeben, und der indische Bettlerjunge, Rajkumar heißt er, wird mit dem habgierigen Mob durch die unendlichen Räume gespült, bis er plötzlich vor einem Wesen steht, so überirdisch schön, wie er bisher nie jemanden gesehen hat: Dolly, die Zofe der Königin, ein Kind noch. Und der Leser ahnt es - hier nimmt eine Geschichte ihren Anfang, die auf verschlungenen Wegen und vielen, vielen Romanseiten Dolly und Rajkumar zusammenführen wird, den Lumpenjungen, der es in Birma zum angesehenen Teakholzhändler bringt, und die Hofdame, die als Einzige im fernen indischen Ratnagiri der Königsfamilie die Treue gehalten hat.

Bis zum Jahr 1996 zieht sich dieser epische Roman hin, über vier Generationen in Indien, Birma und Malaya, die alle miteinander zu tun haben, wieder auseinander driften, sich aufs Neue berühren, eine faszinierende Familiensaga. Wie ein Bilderbuch wird die jüngste Geschichte dieser turbulenten Region aufgeschlagen. Mit zum Anrührendsten gehört dabei die Schilderung des Lebens der birmanischen Königsfamilie im indischen Exil und der Schock, den der Einmarsch der Japaner in Birma und Malaya hinterlässt. Freiheit ist ein Thema, welches das ganze Buch durchzieht. Da geht es um die Freiheit von allem Irdischem, die Dolly schließlich in einem buddhistischen Kloster enden lässt, wie um die Freiheit, die durch die Flucht vor den Japanern gesucht wird. Aber auch um die Freiheit, die jene Inder erkämpfen wollen, die nicht den Weg Gandhis einschlagen, sondern sich gewaltsam gegen die englischen Kolonialherren erheben, diese jungen indischen Soldaten, von denen einer zu den Helden des Romans gehört. Verrat? Schicksal? Notwendigkeit? Auch für indische Autoren ist Vergangenheitsbewältigung ein Thema.

Amitav Ghosh ist ein großer Fabulierer, ein Meister seiner Sprache - nicht des Amerikanischen, wie der Verlag behauptet, vermutlich weil der Autor in New York lebt und für den New Yorker schreibt, sondern des Englischen, das selbstbewusst als indische Sprache benutzt wird. Dieses Idiom hat sich wie das Australische längst zu einer eigenen Sprache entwickelt, weit hinaus über das Jane-Austen-Englisch des 19. Jahrhunderts, das die erste Generation der Englisch schreibenden Inder pflegte. Amitav Ghosh gehört zur zweiten Generation, jener Generation, der Salman Rushdie mit seinen Mitternachtskindern 1981 den Weg geebnet hat. Ghosh zählt seit seinem Circle of Reason (1986) und erst recht seit seinem internationalen Durchbruch mit dem Kalkutta Chromosom (1996 bei Blessing) zu den etablierten Bestsellerautoren. Es ist kein ganz einfaches Englisch, das er schreibt, dieses subtile, differenzierte, ja auch mitunter ungewohnt blumige und altmodische Angloindisch, eine Sprache, die von jedem Übersetzer nicht nur sprachliches Handwerk, sondern auch Einfühlungsvermögen, wenn nicht gar Kongenialität verlangt.

Leider ist die vorliegende deutsche Übersetzung absolut missraten. Was da dem Leser an betulichem und gestelztem Deutsch vorgesetzt wird, was alles falsch übersetzt ist - oder gar nicht, wenn es offenbar zu schwierig wurde -, ist schlicht eine Zumutung. Das trifft besonders auf den ersten und den letzten Teil des Buches zu, und man kann dem Leser nur raten: Halten Sie durch, es lohnt sich! Denn so trivial, wie er da gemacht wird, ist Amitav Ghosh nicht. Diese Stümperei hat er einfach nicht verdient. Gewiss, auch Ghosh macht einmal einen Fehler, wenn er die Nonnen in Birma in Safrangelb statt im traditionellen Rosa/Dunkelrot auftreten lässt. Doch alles andere geht auf das Konto unbedarfter Übersetzung und schlampiger Redaktion: So ist Marathi eine Sprache, also kann es keinen Torwächter aus Marathi geben; Puja ist eine religiöse Zeremonie, also kann man niemanden in Puja zum ersten Mal sehen; ein Dak-Bungalow, die Unterkunft für durchreisende Beamte, ist ein stehender Begriff, deshalb ist Dak-Haus falsch; der letzte indische Kaiser heißt nicht Bahadur Shan Zafar, sondern Shah, und warum muss man Mughal sagen, wenn es das deutsche Mogul gibt? Warum muss Uma in ihr Elternhaus nach Bombay zurückkehren, wenn kurz zuvor ausführlich das Elternhaus in Kalkutta geschildert wurde, warum ist jemand, der die Gummibäume auf einer Kautschukplantage anzapft, ein "Holzfäller", warum muss night soil mit "Unrat der Nacht" übersetzt werden, wo es sich doch schlicht um menschliche Scheiße handelt (von Tag und Nacht), warum wird aus war time security, dem Geheimdienst im Krieg, eine "Kriegssicherheit" oder aus einer Presseabteilung der Armee eine monströse "Publikationsschrift"? Das alte Malaya heißt heute Malaysia. Und was, bitte sehr, ist eine Fingerfigur? Sollte etwa eine Stockpuppe gemeint sein? Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Dagegen ist die Übersetzung von Pankaj Mishras Benares geradezu ein Glücksfall. Das ist auch notwendig. Denn im Gegensatz zu Ghoshs dramatischem Epos passiert hier gar nicht so viel. Das Buch lebt von der Atmosphäre, auf den Ghats von Benares, in der Pseudospiritualität von Pondicherry, der klärenden Höhenluft des Himalaya. Wie mit kurzen, genauen Pinselstrichen gelingt es Mishra, diese Atmosphäre herzustellen. Das Buch ist eine Entdeckung.

Allerdings wird man den Verdacht nicht los, der Autor habe es nur geschrieben, weil auch er endlich einmal ordentlich Geld verdienen wollte. Denn Mishra, ein bekannter Literaturkritiker in Delhi, ist der Mann, der Arundhati Roys Gott der kleinen Dinge (Blessing, 1997) ihrem britischen Verleger ans Herz gelegt und der Kamal Jha als kommendes Talent entdeckt hatte. Roys Gott, ihr Erstlingswerk, brachte ihr nicht nur den prestigeträchtigen Booker-Preis ein, sondern wurde auch ein enormer kommerzieller Erfolg: 4 Millionen Exemplare wurden in 13 Ländern verkauft. Jha, ein junger indischer Journalist, bekam für sein Blaues Tuch (Goldmann) einen Vorschuss von 275 000 Dollar, obwohl er damals erst ein paar Kapitel vorzeigen konnte. Indisch-englische Autoren verkaufen sich inzwischen fast so gut wie warme Semmeln. Nicht so sehr in Indien selbst, nein, das große Geld wird im englischsprachigen Ausland gemacht. Asiatischer Touch, asiatischen Farben und Gerüche, ein bestimmtes Maß an fremdartiger Exotik - und unbesehen werden die indischen Autoren gekauft.

Da stellt sich natürlich die Frage: Schreiben diese Autoren nur noch für den Export? Mishra hat es wohl getan und bekam dafür seine halbe Million Dollar Vorschuss. East meets west, das verkauft sich bei den mächtigen Verlagshäusern im Westen. Die verwirrende Begegnung des Studenten Samar aus der traditionell brahmanischen Behütetheit des kleinstädtischen Indien mit einer völlig neuen Welt von westlichen Aussteigern, die "auf der Durchreise" sind, mit Leuten, die sich auf die Suche nach dem "echten" Indien gemacht haben, seine scheue Liebesaffäre mit der Französin Catherine, die melancholischen Exkursionen in die Frage: Was ist der Sinn des Lebens?, das ist genau die Mixtur, die Erfolg verspricht. Pankaj Mishra hat freilich mehr daraus gemacht: weil er schreiben kann, und zwar gut.