Der neue Grisham: einerseits primitiv, andererseits prophetisch. Zum ersten ein ziemlich öder Reißer, zum zweiten eine freche politische Satire. Zwei Bücher in einem Umschlag, zwei knapp verbundene Storys in einem Aufwasch. Einerseits: Man hat den Eindruck, dass "dieser meistgelesene Autor weltweit" (Verlagsnotiz) keine allzu große Sorgfalt mehr auf plausible Plots verwendet, keine nähere Bekanntschaft mit seinen Charakteren mehr sucht und dass er auch das juristische Insiderwissen, das seine Geschichten so faszinierend machte, weitgehend aufgebraucht hat.

Da gibt es also Die Bruderschaft, ein infames Trio, drei frühere amerikanische Richter (verschiedenen Ranges), die jetzt aus unterschiedlichen Gründen als Knastbrüder in einem legeren Gefängnis (einem so genannten Camp) sitzen und, aus Langeweile, Intrigenlust und Geldgier, eine groß angelegte Erpressung homosexeuller Honoratioren betreiben: ein böses Spiel mit der Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung. Das ist ungefähr so spannend wie Kinderpost, und es scheint den Autor auch nicht wirklich zu interessieren.

Wofür er sich engagiert, das ist das Andererseits: die sarkastische Beschreibung einer Präsidentschaftskampagne, die Manipulation eines biederen Kongressabgeordneten durch die CIA, ein Machtpoker der intimeren Art. Zwar sind die Mittel, mit denen Grisham in Dialogen und Situationen arbeitet, von der Durchtriebenheit John le Carrés oder gar Eric Amblers weit entfernt und eher der Holzschnittmoral Rolf Hochhuths verwandt; aber da seine knirschende Konstruktion gewissermaßen von der Wirklichkeit beglaubigt worden ist, liest man es nun fast als Enthüllungsstory, wenn nicht als politisches Hellsehertum.

Wie da einer mit einem einzigen Thema: Rüstung!, Rüstung!, Rüstung! sich zum Shooting-Star (im doppelten Sinn) aufbauen lässt; wie er die neue Gefährdung der USA halluziniert, die Ängste und das Sicherheitsbedürfnis schürt, das Gespenst des internationalen Terrorismus beschwört (und die CIA ihm mit Geisterstunden behilflich ist) - das hört sich in manchem verteufelt nach den Konzepten und Vorstellungen und öffentlichen Statements des neuen amerikanischen Präsidenten und seiner Strategen an. Und dass für Grisham hinter allem das Geld der Rüstungsindustrie steckt (die Millionen über den Wahlkampf und die Milliarden für die erhofften Geschäfte), muss ja auch nicht gerade Beleg für die Weltfremdheit des Autors sein.

Für den ersten Teil der Geschichte spricht immerhin, dass er in Florida spielt und dort auch alle krummen Deals abgewickelt werden (auch der Oberste Gerichtshof des Staates kommt vor). Fazit: John Grisham hat nicht mehr den großen Atem, aber immer noch den richtigen Riecher.

John Grisham:Die Bruderschaft Roman; aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren; Wilhelm Heyne Verlag, München 2001; 448 S., 46,- DM