Es beginnt im Eis, und es ist ein wunderbarer Beginn. Es hebt an mit großer Geste und ist gleich Erzählen ohne Furcht und Tadel. Aus dem kalbenden Eis bricht ein riesiger weißer Berg - eine Kathedrale, ein Schloss -, und während dieser Berg langsam nach Süden driftet und schmilzt, gibt er allmählich sein Geheimnis, sein Innerstes preis: ein Schiff.

Wenig später ist es der Bernstein, den einer sucht und von dem er mehr findet, als zu erwarten war. Und wieder zeigt sich, dass da etwas im Innersten steckt, was einmal gelebt hat, vor langer Zeit, und wieder lebendig werden will, ganz gleich, wie skeletthaft es jetzt auch sein mag. (Es wäre nicht das erste Skelett, das in Ib Michaels Büchern gefunden würde.)

Es beginnt also im Eis, spielt aber dann im sommerlichen Dänemark, hinter den Dünen, am Meer, in der Nähe einer Stadt namens Saevig, die der Atlas nicht kennt. Aber der kennt ja vieles nicht, was die Erde weiß. Dort steht die Pension Strandgaarden, und dort verbringt der zwölfjährige Malte seine Sommerferien, dort ist er einquartiert worden von seiner Mutter, die so lebenslustig wie lebensunkundig ist und sich derzeit von einem Herrn Ottosen aushalten lässt, der sich nicht einmal als Ersatzvater eignet.

Aber das spielt auch keine Rolle, denn was immer Herr Ottosen will, da ist jemand oder etwas, der oder das vereiteln wird, was Malte und sein Leser nicht wollen. Ja, Malte, ein einfaches Kind ist er nicht, aber dann hätte er ja auch keinen Roman verdient, und er bekommt doch gerade einen sehr hübschen. Dafür nämlich - und das muss man jetzt in einer vielleicht etwas wirr wirkenden Aufzählung einfach mal so herschreiben -, dafür sorgt, nicht nur sozusagen, sondern ganz handfest, der so genannte Geist der Erzählung, und der ist mal ein Wesen von fernen Sternen, mal ein Stein in der Hosentasche des Jungen, mal ein Elf, der vor Millionen Jahren in einen Bernsteintropfen eingeschlossen wurde - oder ist es doch nur eine Libelle? Nein, es ist ein Elf, denn er hat zauberische Kräfte und kann zum Beispiel die stumme Ida fast sprechen machen, so wie der Erzähler selbst alles, was er will, zum Reden bringt, weil er darf, was er kann. Und dann ist er noch ein Fuchs und ein Seemann mit goldenen Ohrringen und Backenbart und eine Leiche im Sarg, und natürlich (Schluss jetzt!) ist er auch ein bisschen selbstverliebt. Denn überall hat Ib Michael kleine Zitate versteckt, die die Virtuosität seines Erzählens, aber auch seine Weltgewandtheit beweisen sollen: Malte (!), Odette (!), Smilla (!!), Titanic und nicht zuletzt das eine oder andere aus eigenen Büchern. Nun gut, Verkleidungen gefallen dem 1945 in Roskilde geborenen Ib Michael, der ja selber Jahr um Jahr monatelang als Voyageur und Abenteurer in Südmeeren unterwegs ist und dann gewiss überhaupt nicht wie ein Dichter aussieht.

Es tut sich viel in den großen Ferien des kleinen Malte. Zum Beispiel lernt Oda, die Magd, einen schneidigen Südländer kennen, der sich dann als gar nicht so schneidig erweist. Aber da ist Oda schon schwanger, streicht sich über den Bauch und fühlt, dass ihre Brüste schwerer geworden sind. Uns würde es nicht wundern, wenn das Kind schon da wäre, ehe noch der Sommer um ist. Das liegt wohl daran, dass Ib Michael so erzählt, dass wir uns über nichts mehr wundern, weil wir uns eben ständig wundern müssen, was ihm alles so einfällt für seine Figuren. Und da möchten Sie noch wissen, warum der Roman Prinz heißt?

Geschichten sind ja dazu da, dass nichts vergessen wird. Und wenn dann einer sagt, wie hier Ib Michael: "Das alles liegt nun so lange zurück, dass sich keiner daran erinnert", dann dürfen wir das getrost für die erlaubte Koketterie jedes Erzählers halten, der davon lebt, dass er zumindest für seine Geschichte ein Monopol hat. Wie gern erfährt man daher etwas von der geheimnisvollen Villa am Strand, dem Krähenschloss, wo die uralte Aviaja Bertelsen wohnt, die nicht sterben kann und doch stirbt. Deren Haus all die wunderlichen und wunderbaren Schätze birgt, die ihr Adoptivvater einst zusammengetragen hatte, er, den man den Bernsteinkönig nannte und der seiner Frau allen Reichtum dieser Erde geben konnte, die Liebe aber nicht. Alt und verhutzelt war sie am Ende, aber damals, ihrerzeit, war sie schön, "schöner als irgendeine", sie war eine Grönländerin.

Was heißt das? Nichts heißt das, aber wir hören es doch gern, wie wir dem Meer lieber zuhören als der Straße, der Vergangenheit lieber als der Zukunft, der Ferne lieber als den Abendnachrichten. Und außerdem: Erzählen ist Erzählen und nicht Beweisen, Versichern, Belegen. Es geht ja nicht darum, dass wir's glauben, es geht ums Zuhören, ums Stillsitzen und Zuhören.