Seit geraumer Weile lag der Roman schon in des Autors Schublade, noch nicht in der endgültigen Fassung, aber bereits mit dem beziehungsreichen Titel Barbar Rosa. Damals, als wir unbedingt den gültigen Berlin-Roman wollten und uns schon auf das nächste Buch von Georg Klein freuten, antwortete der aus Augsburg stammende Exberliner Wahlostfriese auf neugierige Fragen, ja, das nächste Buch werde eine Art Stadtroman und ein Berlin-Roman, wenn man so wolle, auch. Mittlerweile haben wir den Berlin-Roman satt, bevor er wirklich geschrieben wurde, und Georg Klein bekam beim Klagenfurter Wettlesen den ersten Preis für einen Ausschnitt aus seinem Roman, in dem der Name Berlin nicht vorkommt. Ein Detektivroman, ein Männerroman, ein romantischer Finsternisroman und, na ja, ein Hauptstadtroman.

Barbar Rosa - das klingt als Titel mindestens so vielversprechend wie Libidissi, das Debüt, mit dem der Autor nach Jahren der Ablehnung bei den Verlagen auf einem Schlag bekannt wurde. Und die beiden Bücher haben eine Menge gemeinsam: das Spiel mit dem trivialen Genre und die irrationale Logik; den einsamen, versehrten und moralisch fragwürdigen Helden - und eine Stadt, deren Topografie seltsamen inneren Gesetzen gehorcht.

"Ein System, das gerade so jenseits der Übersichtlichkeit liegt" nennt es Georg Klein und lässt seinen Helden darin von einem bedeutsamen Ort zum andern wandern. Mühler heißt er, nicht Müller, denn bei Klein wird Wert aufs genaue Zuhören gelegt: damit klar ist, das ist kein Allerweltsbursche, sondern ein Allerweltsbursche mit kleinem Unterschied. Der Unterschied besteht - zum Beispiel - darin, dass er sehr langsam ist im Erkennen, langsam wie Gottes Mühlen und die Phonetik des Dehnungs-h.

Der Unterschied besteht auch darin, dass er im Gegensatz zu gewöhnlichen Detektivromanhelden, die höchstens mal eine Narbe mit sich herumtragen oder ein Schrulle, schwer gezeichnet ist: Er kann weder fernsehen noch Auto fahren; impotent ist er nur dann nicht, wenn er einen Auftrag hat, aber seine sexuellen Wünsche zu erfüllen verbieten Gesetz und Moral sowieso; Allergiker ist er und ein langzeittherapierter Suchtkrüppel. Geld hat er gewöhnlich keins. Georg Klein sagt, ein Detektiv sei ein Agent der Aufklärung, einer, "der auch die dunkelsten Winkel ausleuchten" will.

"Er will etwas rauskriegen, und das Rauskriegen ist eine ambivalente Geschichte, da er dadurch auch um die Unsicherheit, um die Ungewißheit der Welt betrogen wird." Und deshalb kriegt Mühler zwar etwas raus, aber er stößt damit nur auf neue Unwägbarkeiten: Am Ende seiner Ermittlungen steht eine absurde Inszenierung um Geld, Maschinen und Tod, eine Kunstaktion, an der Mühler als unsichtbarer und nicht ganz freiwilliger Komparse teilnimmt. Dass Mühler eine eigentlich untaugliche Besetzung für einen Agenten - und sei es auch ein Agent der Aufklärung - ist, erkennt man schon an der merkwürdig altfränkischen Diktion, deren er sich bedient: Das Buch, geschrieben aus seiner Perspektive, spricht eine Kunstsprache, die von der Schwarzen Romantik abstammt und so tut, als habe sie sämtliche Überlegungen zur Dialektik der Aufklärung noch vor sich. Dazu passt, dass der Detektiv im Laufe seiner Ermittlungen immer wieder auf die dreißiger und vierziger Jahre stößt, als sei er in einer Zeitschleife gefangen, die ihm die Erfahrungen einer früheren Generation aufzwingt. Wie wichtig die Vergangenheit für die Erzählung der Gegenwart genommen wird, darauf verweist auch die zentrale Rolle, die ein Archiv von Alltagsliteratur aus zweiter Hand - Heftchen, Bedienungsanleitungen, Kärtchen, Schnipsel - für den Fortgang der Handlung spielt.

Als ein solches Schöpfen aus dem "Gebrauchttextfundus", ist die Formvorgabe der klassischen hardboiled detective story wohl zu sehen. Klein verwertet die Versatzstücke des Krimis - und des Comics - zu einer Komposition aus Realitätskonzepten, authentischen Gesten, kollektiven Erfahrungen und literarischen Archetypen. Das alles, widersprüchlich und widerspenstig wie es ist, verwebt er zu einem psychedelischen Muster, das sich ständig verschiebt, ausbeult, zusammenzieht und wieder ausdehnt. Eine Lektüre sei eine Reise, bemerkt Georg Klein im Ton eines freundlichen Animateurs. Es klingt ein bisschen wie die sanften Gurus der Bewusstseinserweiterung von einst, die auf Papier getropfte LSD-Trips priesen.

"Wenn man die Identifikation annimmt, und die Reise mit dem Detektiv mitmacht, kann man vielleicht interessante Erfahrungen mit sich selbst machen. Und was Selbsterfahrung und Selbstaufklärung angeht, bietet der Text doch einige Möglichkeiten, wenn man sich auf ihn einläßt." Tatsächlich verführt dieser Roman. Er verlockt mit verblüffenden Wendungen, schummrigen Abgründen und hellem Mondlicht, mit Ekel, Genuss und Schrecken zur Reise durch eine hässliche, beschädigte und faszinierende Welt. Die Stadt ist schäbig, die Häuser sind kaputt, die Leute kleinkariert, die Wege dreckig und verschlungen, die Lust zerstörerisch und die Abenteuer von der Art, wie sie Stadtbewohnern in den billigen Gegenden geläufig sind: Überfälle und Unfälle, Rauschzustände und Verwahrlosung.