Folgendes einmal über den jungen Kant, danach dann, wie das zusammenhängt. Der junge Kant: ein toller Typ, kaum Waden, zugegeben, das Tierhafte überhaupt wohl ziemlich zurückgedrängt - aber ein Herkules an Hirn, an Kenntnissen, an Scharfsinn vor allem und an Witz und schreiberischer Eleganz. Man möchte es so ausdrücken: Witz und Eleganz haben ihren Ursprung in einer gewissermaßen turmhohen Überlegenheit seiner Intelligenz und seines Scharfsinns über jeden Gegenstand, den er für sie findet. Oder anders: Er sieht nichts, für das, wenn er's wirklich durchdenken wollte, seine Kräfte sich bündeln, konzentrieren, vielleicht ändern müssten; für alles, was da ist, sind sie so, wie sie sind, im Grund schon zu groß. Daher also dieser überlegene Witz, diese mitunter fast die Satire streifende Eleganz.

Und dann, mit einem Mal (so in den 1770er Jahren), ein schlimmes Innehalten, langsam geht ihm auf, dass da Rätsel sind, im Denken selbst, vor allem aber in der Art der Welt; Rätsel, an die er nun herangeht. Er verliert nichts von den Gaben, die so bewundert wurden, aber er baut nicht mehr auf sie, er lässt sie beiseite; oder besser: Er setzt alle Kräfte so sehr an die neuen unendlich schwierigen Probleme (nichts mehr von turmhoher Überlegenheit), dass Witz und Eleganz und ähnliche bloß stilistische Tugenden nur noch dazu dienen, möglichst klar zu sagen, um was es nun geht.

Rilke jetzt: scheint alles zu können als junger Mann, alles jedenfalls über die lyrikgängigen Themen, soweit sie hierzulande interessieren, Heimat, Liebe, ein bisschen Tod, Einsamkeit, Melancholie und Verwandtes - nichts Ernstes also im Grund für einen solchen Könner. Weihnachten ist vorbei, aber zur Erinnerung hier: "Es treibt der Wind im Winterwalde / die Flockenherde wie ein Hirt, / und manche Tanne ahnt, wie balde / sie fromm und lichterheilig wird; / und lauscht hinaus ..." Da haben wir alles, die Zugabe des Könners ist dies nachgestellte "und lauscht hinaus". Oder hier: "Ich habe kein Vaterhaus, / und habe auch keines verloren; / meine Mutter hat mich in die Welt hinaus / geboren" - keine Einwände, aber was soll das eigentlich, nicht? Und selbst hier im Grunde noch nichts: "Die Blätter fallen, fallen wie von weit ..." Na schön, sagt man sich, sollen sie eben, ist ja auch Herbst. Und: "Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren ..." - sicher, schon besser, aber ganz bei Licht besehn ist auch das noch eher ein süßer Betrug der schönen Klänge über irgendwas noch nicht so recht Zusichgekommenes. Oder dann, obwohl ich es ja mit keinem ganz verderben will: "Wie soll ich meine Seele halten, dass / sie nicht an deine rührt ... Und welcher Geiger hat uns in der Hand? / O süßes Lied."

Genie, natürlich, aber mal ehrlich: verschwendetes Genie; überaus raffiniert und gekonnt dieses "dass" so herrlich am Zeilenbruch, sicher, sicher; aber "o süßes Lied" - ist das nun wirklich Liebe unter erwachsenen, zu sich gekommenen Menschen?

Aber dazwischen dann schon "Orpheus. Eurydike. Hermes. Da war der Seelen wunderliches Bergwerk" und so weiter: derselbe Dichter, und doch ein ganz anderer mit einem Male, und dann die Neuen Gedichte (1907/08): Jetzt sind richtige Sachen da und keinerlei spielende Überlegenheiten mehr dieser ausgedienten, eben erst jetzt in den richtigen Dienst genommenen Tugenden von früher. Dann noch einmal diese entsetzliche, tödliche furchteinflößende Pause von über zehn Jahren, nur zwischendurch solche Wunder wie dieses "Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort, / siehe: die letzte Ortschaft der Worte ..." oder, und jetzt hat die Liebe auch nicht mehr die grässlichen Jungfernschleier um: "Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen / und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen / und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die andern / enden: immer wieder gehn wir zu zweien hinaus / unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder / zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel." Da schimmert noch das alte Liebes-Enjambement durch, von damals, wie man die Seele halten solle, dass ... et cetera; aber, wenn es nun heißt von der "Schlucht: in welcher die andern / enden", dann ist es wirklich, als ob solche Formen erst jetzt in dieser viel unaufdringlicheren Sachlichkeit zu sich gekommen wären; kein andrer vielleicht hätte sie auch davor so schön gekonnt: aber wozu auch, wofür hätte er das sollen? Jetzt hat es Sinn.

Geschwiegen jetzt von dem, was dann kommt, den Elegien, den Sonetten an Orpheus, den Einzelgedichten der zwanziger Jahre. Geschwiegen deshalb, weil von diesen Sachen ohnehin kaum etwas vorkommt in den beiden kleinen Anthologien, die jüngst herausgekommen sind. Beide haben Blumen vorne drauf, Aufbau mehr arabesk, dtv richtig gelb und grün auf Rot, Aufbau die kleine Arabeske auf Grün. Macht nichts, würde man gern denken, leider denkt man da verkehrt. Aufbau wendet sich an einen "freien, unblasierten" Leser und fällt gleich mit der Tür ins Haus: "Im Unterschied zu gängigen Rilke-Sammlungen steht hier das spröde intellektuelle Spätwerk ganz am Rande", tja, und da steht es nun; und elende Traditionen walten da auch, wenn es gleich darauf heißt: "Jahrzehntelang galt es, vor allem in Westdeutschland, als schick, über Rilke zu lächeln." Na schön.

"O ihr Zärtlichen, tretet zuweilen in den Atem ..."