Der in Los Angeles lebende deutsche Schriftsteller Patrick Roth ist seit inzwischen fünf erzählenden Büchern in zehn Jahren dem Wunder auf der Spur. Ganz unverschämt begab er sich dazu in Zeiten und Räume, wo das Wunder noch einschlug wie Blitz und Erleuchtung: ins Land der Bibel, in die Zeit Jesu. Man staunte nicht schlecht ob dieser Dreistigkeit. Denn die Wunder des Gottessohnes liegen uns ferner als sämtliche erloschenen Sterne und schwarzen Löcher. Gemeinsam ist den Wundern Gottes und des Weltalls immerhin, dass die materielle Welt in ihnen verschwindet.

Womit wir beim zweiten Hauptmotiv der Prosa von Patrick Roth wären: der Frage nach der Wirklichkeit. Diese Frage ist nun keineswegs obsolet, sondern geradezu modisch. Macht nichts, das kümmert Patrick Roth so wenig wie das Gegenteil. Deshalb erzählen wir am besten von der ersten und letzten der untergründig eng verklammerten fünf Geschichten des neuen Bandes Die Nacht der Zeitlosen. Denn da haben wir das Wirkliche ganz unverschleiert, zum Beispiel gleich im ersten Satz des Buches: "Als die Sonne unterging - es war Sonntag, der 16. Januar 94, elf Stunden vor dem verheerenden Erdbeben in Los Angeles - wurde Talmadge noch einmal wach."

Das Wachwerden nützt ihm nicht viel, denn heftig erinnert er einen Traum, in dem er verfolgt wird und "anschlagend mit aufgerissenen Mäulern" Hunde nach ihm schnappen. Nun hat aber sein Nachbar Ron, ein Schauspieler, auch einen Hund, und den vernachlässigt er, seit seine neue Freundin Chiara unten am Pool mit ihm flirtet. Wie offenbar gerade jetzt wieder. Den Traum weiter erinnernd, sieht Talmadge, wie er ein Mädchen aus dem Wasser rettet. Sie ähnelt Chiara. Jetzt aber Nachrichten, "irgendwas Wirkliches" denkt er und greift zur Fernbedienung. Er gerät in einen Spielfilm, in dem ein einsamer Angler das Glück von Reichtum und Liebe erfährt, um eine Einstellung später nach einem Unfall nichts mehr von alledem zu wissen. Erinnerungslosigkeit. Amnesie. Die widerfährt auch Talmadge. Er sinkt zurück in den Traum, er sinkt in einen Abgrund, in dem er die "bodenlose Verheerung" sieht, "die allem bevorsteht". Das Beben. Der Weltuntergang. Jetzt können die Geschichten losgehen.

In diesem kurzen Intro unter der Kapitelüberschrift sundown ist alles versammelt, was die folgenden Geschichten entfalten: Aus einer präzise umrissenen Situation entwickelt sich eine Kette von Geschichten, deren Realitätsstatus sich fortwährend ändert und die doch alle ineinander übersetzbar sind. Die historische Situation, die alltägliche Umgebung, der Traum, der Film - sie gleiten ineinander, rauschhaft scheint es und dabei mit einer inneren Logik, die kein Geheimnis aus sich macht. Wo beginnt und endet diese Kette, wo ist sie befestigt, wo ist der Halt, den wir Wirklichkeit nennen und der uns die Angst vor den Träumen und Einbildungen nimmt? Das ist die Frage, die Rothsche Kardinalfrage.

Jedes Vergessen ein realer Weltuntergang

Es gibt immer eine ganze Reihe von Antworten: "Das glutende Knistern der alten Tonspur des Films" heißt es einmal etwas preziös. Hier meldet sich die Hardware der Fiktionsmaschine. Oder die Amnesie des einst vom Glück Geküssten, das Vergessen, das wie jedes Vergessen "ein Weltuntergang" ist. Oder dieser Weltuntergang in Katastrophengestalt, das Wirkliche des ersten Satzes: das Erdbeben, das sich ankündigt und den Boden selbst des Traums erschüttert. Das Beben ist real. Nichts ist so real wie das Beben der Welt. Hier hat es ein Datum und einen Ort - den 16. Januar 1994, Los Angeles. Es trifft überall: Es erschüttert sämtliche Gewissheiten, es wirbelt die Zeiten durcheinander, es bewegt die Fundamente des Bewusstseins - und es bereitet das Wunder vor. Das Wunder ist die Antwort auf die Wirklichkeit, die in nichts als einer tiefen Erschütterung begründet ist.

Tut mir Leid, möchte man sagen, aber darunter, unter diesem Niveau an metaphysischer Spekulation, ist Patrick Roths Erzählen nicht zu haben. Das stimmt natürlich nicht. Man kann die Geschichten auch schlichter lesen. Als ein verrücktes Spiel mit Zeiten und Imaginationen. Sogar als psychologische Parabeln. Nehmen wir die eleganteste Geschichte des Bandes: Das verräterische Herz, einen Pastiche der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allen Poe.