Gerade versucht man bei uns wieder, das Ende der sechziger Jahre zu beleben, die wohl auch deswegen im Zerrspiegel abgebildet werden, weil sich dort der eine oder andere Politiker versteckt hielt, der damals nicht so war, wie er hätte sein sollen, obgleich er heute, angenehm ungerührt und erfolgreich, wie's scheint, den Staatsmann gibt.

Wenn wir aber schon nicht mehr genug über die Sechziger wissen, was sagen uns dann erst die Fünfziger, die ja in der Ablage noch weiter unten platziert sind? Kann die Literatur beim Erinnern behilflich sein, ohne deswegen moralisch aufdringlich zu wirken oder sich in einem Schnellkurs Geschichte zu verfangen, der unter dem Motto steht: "Was man weiß, was man wissen sollte"? Sie kann, die Literatur, denn ihre Erinnerung ist eine andere.

Die Schriftstellerin Irene Ruttmann (Jahrgang 1933), die man bislang vor allem als Kinderbuchautorin zu kennen glaubte, berichtet in ihrem ersten Roman aus dem Berlin der fünfziger Jahre. Die Ich-Erzählerin ihres Buches heißt Jenny, mutet patent und sympathisch an und studiert an der Humboldt-Universität im Ostteil der Stadt. Jenny liebt Frankreich, obwohl sie es gar nicht kennt. "Ich liebe Frankreich wegen des kleinen, schlauchartigen und schlechtgelüfteten Kinos am Steinplatz, wo es für Studenten aus dem Osten die verbilligten Eintrittskarten gibt und wo französische Filme laufen. Und von daher kenne ich Frankreich eben doch. Die endlosen Boulevards in Paris ohne ein einziges Trümmerhaus, die hohen Dächer und die schmalen langen Fenster mit durchbrochenen Jalousien, Silhouetten von Anglern an den Seine-Quais, Marmortische und zierliche Eisenstühle, die Schatten aufs Trottoir werfen, und eine Bar mit hohem Tresen, an dem ein Liebespaar ein Glas Rotwein trinkt, manchmal nur im Vorübergehen, einfach so."

Eigentlich geht es ihr ja ganz gut, meint Jenny, und als sie sich in ihren Kommilitonen Robert verliebt, der ebenfalls sympathisch ist und sogar noch ein bisschen patenter als seine Freundin, geht es ihr noch besser. Jenny und Robert sind überdies der großen Literatur zugetan, und sie glauben an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz - eine Vorstellung, die uns heute, da wir ständig, unaufgefordert, von Verächtern des insgesamt leider eher schmählich gescheiterten Sozialismus eines anderen belehrt werden, wie ein feines, fernes Bild vorkommen mag. Allerdings zeigen sich damals schon erste Risse in einem formschönen Gedankengebäude, das sich in einer Wirklichkeit erhebt, die grau in Grau gemalt ist, von den Herrschenden jedoch als beispielhaft farbenprächtig gepriesen wird. Der real existierende Sozialismus ist nicht mal ansatzweise so, wie er zu sein vorgibt; deswegen setzen sich die Menschen von Osten nach Westen ab. Im November 1958 stellen die Sowjets den Alliierten ein Ultimatum: Sie sollen sich aus West-Berlin zurückziehen, das zur "freien Stadt" erklärt wird. Dem steht allerdings die Dreimächteerklärung gegenüber, die eine Schutzgarantie für West-Berlin vorsieht; die Stimmung ist feindselig-frostig im Berlin des Jahres 1958.

Jenny und Robert, inzwischen verheiratet, aber noch immer guten Willens, müssen sich entscheiden: Flüchten oder Standhalten heißt es für sie, und sie wählen, eher schweren Herzens, die Flucht. Eine Stärke von Ruttmanns Roman ist die genau, nicht mit besserem Wissen erzählte Motivlage: Was die beiden Liebenden mit sich ausmachen, was in ihrer, zugegeben recht kleinen Welt bedacht und bestanden werden will, kommt unaufwändig daher und wächst im Verborgenen; ihre ehedem noch feste Weltanschauung wird im Geheimgang der eigenen, schon länger unterwanderten Gedanken aufgeweicht und, mit Blick auf die mögliche, ganz andere Freiheit, schließlich grundsätzlich infrage gestellt.

Darüber hinaus gelingen der Autorin eindringliche Genrebilder aus einer heute kaum mehr vorstellbaren, gesinnungspolizeilich bis in die privatesten Nischen hineinreichenden Haupt- und Staatsatmosphäre, in der das kalte Ideal herrschte, für das eine allmächtige Funktionärsclique bereitstand. Die andere Freiheit, in die es am Ende geht, hat sich vor Jenny und Robert noch nicht beweisen können; was sie vorführt indes, ist eine erträgliche Leichtigkeit des Seins, die man, ohne schlechtes Gewissen, genießen und beim Wort nehmen darf. Ganz allein sind sie nicht bei ihrem Neubeginn, der, passenderweise, in den Frühling fällt; das Nötigste haben sie mitgenommen, ihre Liebe: ",Sag was, irgend etwas', hatte ich Robert gerade gebeten. Er stand auf, zog mich hoch und nahm mich in die Arme. ,Erst einmal bleibt uns die Sprache, und außerdem liebe ich dich', und er küßte mich am Hals, lange und warm, wie damals im Winter am Schiffbauerdamm. ,Und ich dich.' Ich küßte ihn auch, und weil ich dachte, in diesem Augenblick brauchten wir noch etwas Bedeutendes, sagte ich leise: ,Vive la liberté' und mußte gleich lachen über das Pathos. Aber ich meinte es ernst."

Irene Ruttmann:Das Ultimatum Roman; Verlag C. H. Beck Verlag, München 2001; 224 S., 38,- DM