Konrad Latte, ein alter Herr von aufmerksam-nervöser Klugheit, und seine Frau Ellen, noch immer eine Erscheinung von bezwingender Schönheit, lebten am Rande Berlins, einen Sprung weit von der einstigen Grenze zur DDR, ein Leben der unauffälligen Normalität. Kaum einer ihrer Nachbarn mag geahnt haben, dass hinter der Gartentür nebenan Zeugen, Opfer und Bezwinger eines Schicksals wohnen, das in seiner Fantastik, seiner Grausamkeit und seinen Glücksfällen der Stoff für den bedrückendsten und den schönsten aller nur denkbaren Romane aus der Feder von Günter Grass sein könnte.

Vor vier Jahren erst zog sich der liebenswürdige Greis, ein wenig fragil geworden, aus seinem Beruf zurück. Ein letztes Mal stand er am Pult der Philharmonie, um das Abschiedskonzert des Berliner Barock-Orchesters zu dirigieren, das er Jahrzehnte zuvor gegründet hatte: das Ende einer Karriere, die er auch in den dunkelsten Tagen und in den absurdesten Situationen, als er durch die Straßen der brennenden Hauptstadt von einem Versteck zum nächsten hastete, niemals aus den Augen verlor - die Berufung zur Musik, diese große Aufgabe seines Daseins.

Peter Schneider, der Konrad Lattes Lebensgeschichte aufschrieb, erkennt in dieser Passion - das Wort trifft in mehr als einer Hinsicht zu - mit genauem Gespür die Grundenergie, aus der sich der Überlebenswille des Gejagten nährte: einer der 5000 bis 10 000 deutschen Juden, die sich vor der Vernichtungsmaschine des Nazismus im Untergrund verbargen. Man weiß nicht, wie viele sich vor den Schergen zu retten vermochten. In Berlin, so eine vage Schätzung, überlebten an die 2000. Dazu darf man einige tausend Menschen zählen, die durch ihre "Mischehen" mit arischen Partnern geschützt wurden: im Februar 1943, nach der Katastrophe von Stalingrad, vor der Deportation nach Auschwitz durch die Rebellion ihrer Frauen bewahrt. Die Demonstration in der Rosenstraße war eines der bewegendsten Ereignisse in der Geschichte der deutschen Résistance, das bisher nur von dem Amerikaner Nathan Stoltzfus in seinem Buch Widerstand des Herzens (Hanser Verlag) erforscht wurde.

Warum, fragt Peter Schneider, wollen die Deutschen von den Tapferen, von den "stillen Helden", die sich dem nazistischen Terror verweigerten und den Bedrohten halfen, so offensichtlich nichts wissen? Seine Vermutung, dass sich die Nachgeborenen durch das Angebot eines Freispruchs auf Kosten der Väter und Großväter nur allzu gern einließen, trifft leider zu. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die Arbeit über Konrad Latte und seine Helfer zuerst im Sonntagsmagazin der New York Times erschienen ist - unter dem eher irritierenden Titel The Good Germans. Der komplexen Wirklichkeit wird jenes freundliche Klischee gewiss nicht gerecht. Die Schattierungen zwischen Anstand und Gemeinheit, Tapferkeit und Feigheit, zwischen Nazis, Mitläufern, Duckmäusern und Menschen des Widerstandes waren differenzierter. Auch das ist aus der Erzählung über das Geschick Konrad Lattes zu lernen. Der Musiker bezeugt, dass es an die 50 Helfer brauchte, um der täglichen Gefährdung durch die Kontrollen der Gestapo und die wachen Augen potenzieller Denunzianten zu entgehen. Manche der so genannten U-Boote waren gezwungen, an die 20-mal eine neue Zuflucht zu suchen: Also gab es wenigstens 20 Helfer und Mitwisser.

Die Erfahrungsberichte bestätigen, dass geheime Netzwerke des Widerstandes im Alltag sehr wohl existierten. Ihre Mitglieder waren eine Minorität in der Millionenstadt. Ob 10 000 oder 20 000 oder mehr: eine beschämend geringe und dennoch eindrucksvolle Zahl. Vielleicht war nicht jedem der Helfer deutlich, dass er sein Leben riskierte, aber so war es.

Peter Schneider, der zu den Nachgeborenen zählt, scheint das Wagnis zu unterschätzen, das die Hilfsbereiten auf sich nahmen. Umso hartnäckiger muss in der Tat gefragt werden: Warum weigern wir uns, die Zeugnisse des zivilen Ungehorsams unter dem Gebot der Menschlichkeit zur Kenntnis zu nehmen? Schneider täuscht sich nicht mit seiner Feststellung, dass die Schar der Retter den "Rechtfertigungsmythos der Kriegsgeneration" widerlegt, eine Auflehnung gegen den Terrorapparat sei nicht möglich gewesen, ob mit oder ohne unmittelbare Gefahr für Leib und Leben. Dennoch gab es Tausende von Deutschen, die bereit waren zu tun, was Anstand und Menschlichkeit verlangten. Darin verbirgt sich die beschämende Einsicht, dass die Mehrheit der opportunistischen Bürger, die keineswegs von den mörderischen Ideen des Nazismus gebannt waren, vor den schlichten Forderungen der Humanität schlichthin versagt haben, gleichviel ob aus Indifferenz oder aus Angst. Das gilt in peinlicher Steigerung für die großen Kirchen - die Mitglieder der Bekenntnisgemeinden und eine Hand voll tapferer Priester ausgenommen. Der hohe Klerus beider Konfessionen hatte mit der Verdammung des Mordes an den Geisteskranken sehr wohl nachgewiesen, dass der Diktator vor dem entschiedenen Widerstand zurückwich. Für die bedrohten Juden rührten sie keinen Finger.

Umso bemerkenswerter die Ausnahmen. Konrad Latte sprach mit tiefem Respekt von dem Breslauer Pastor Joachim Konradt, der nach der Verhaftung von Renate und Anita Lasker bei ihrem Fluchtversuch (nach der Verschleppung der Eltern in ein Todeslager) seine Gemeinde mahnte: "Schon einmal, vor 400 Jahren, war unser Volk so tief gesunken. Tun wir nicht so, als wüssten wir nicht, wer heute von der Ausstoßung betroffen ist. Es sind die Besten unter uns." Dann berichtete er (wie Schneider notiert) vom Geschick der beiden Lasker-Mädchen, ohne die Namen zu nennen, doch "so bewegt und deutlich, dass alle, die sie kannten, begreifen mussten, von wem die Rede war", und er fuhr, in Schneiders Worten, fort: Daran, wie Christen solchen verfolgten Menschen begegneten, erkenne man, ob sie ihren Glauben wirklich lebten, den Glauben der Brüderlichkeit und der Nächstenliebe. "Täuscht euch nicht!", rief der Pfarrer, "Gott lässt seiner nicht spotten." Die Gemeinde der Elisabeth-Kirche sang den Choral Wenn wir in höchsten Nöten sein.