Wie macht sie das? Wie gelingt es Zeruya Shalev, einen zwei Tage lang von der Außenwelt abzudichten und einzuschließen in ihren Roman, dass man die Mahlzeiten immer schneller und nachlässiger zu sich nimmt, einer Lesegier ausgeliefert, die etwas stark Beunruhigendes und gleichzeitig tief Befriedigendes, Nahrhaftes hat, weil man endlich wieder ein Buch liest, das einen füttert mit jeder Zeile und mit jeder Zeile in einen hineinsticht?

Mann und Frau leben seit Jahrzehnten zusammen, sie haben sich in ihren Kindertagen kennen gelernt, es gibt eine zehnjährige Tochter. Der Mann arbeitet als Fremdenführer, er begleitet Touristengruppen durch die Wüste und zeigt ihnen das Land, es muss ein schmaler, schöner, noch jugendlich wirkender Mann sein, immer wieder werden Details seines schönen Außen skizziert, aber er ist auch eine angenehm intelligente Erscheinung und keineswegs der zähe, schweigsame und letztlich fade Naturbursche, den wir uns unter so etwas wie einem Fremdenführer vorstellen könnten.

Die Frau liebt ihn denn auch, es ist genau der Mann, der zu ihr passt, und der Mann liebt die Frau, weil sie genau die Richtige ist, und das alles wissen sie eben seit ihren frühesten gemeinsamen Tagen, das soll es geben, das gibt es. Immer wieder ist im Roman die märchenhafte Nähe zwischen den beiden da, nur dass die Frau, die alles erzählt, diese Nähe nie unbefragt hinnehmen will, merkst du denn nichts, möchte man ihr laufend zuflüstern, aber sie merkt nicht, wie ihr diese Nähe immer wieder entgleitet und sie etwas anderes daraus macht.

Sie arbeitet in einem Heim für schwangere Mädchen, man nimmt es zunächst nur als Nebenschauplatz wahr, weil die Frau ja nun einmal einen Beruf haben muss, eine zehnjährige Tochter ist schließlich keine Ganztagsbeschäftigung, jedenfalls heutzutage nicht mehr, sie arbeitet also in diesem Heim, aber man sieht anfangs noch nicht, warum man sich nun auch noch mit den Geschichten dieser Mädchen beschäftigen soll, da hat sich Zeruya Shalev viel zu viel aufgeladen, denkt man, aber man hat sich getäuscht.

Der Mann ist also heimgekommen von einem seiner weiten und anstrengenden Fußmärsche, die ihn jedes Mal noch etwas brauner und sehniger und begehrenswerter machen, doch am Morgen nach seiner Rückkehr sind seine Beine gelähmt, plötzlich kann er sie nicht mehr bewegen, und mit dem Entsetzen darüber, dass alles zu Ende sein könnte, der ebenso kunstvolle wie löchrige Liebesbau von Jahrzehnten, beginnt der Roman.

Die Konstellationen sind also uralt, Mann, Frau und Kind, und jede der Gestalten hat etwas Archaisches, Mann, Frau und Kind sind auf sympathische und geradezu prototypische Weise männlich, weiblich und kindlich, das müsste ich jetzt lange erklären, aber ich werde mich hüten, der Roman kreist laufend um solche Geheimnisse, als sollten nur Eingeweihte ihn ganz verstehen.

Von zu Hause jagt man also ins Krankenhaus, erst später wird man erkennen, wie sehr im Roman diese Welten gegeneinander gesetzt sind, die weichen, intimen und überstrapazierten Innenwelten dieses Zuhauses, all die geliebten Gegenstände und familiären Fetische des Zusammenseins, in denen man sich verfängt und die etwas Klebriges, Penetrantes haben, und dagegen die lauten, meist Angst einflößenden Straßen, auf denen Zeruya Shalev ihre Gestalten entlanghetzt, unter einer fast ununterbrochen aufdringlich gegenwärtigen Sonne.