Menschen haben ein mitleidiges Verhältnis zu sich selbst. Neid kippen sie gern auf die schamlosen Glanzlegenden anderer. Doch die peinigende Frage zehrt, wieso im eigenen Supermarkt der Eigenschaften das Großartige fehlt. Unzählige Romane mit Lebensbeschreibungen, Anleitungen, wie Wunden geleckt und geschlossen werden, versprechen Milderung und Identitätsangebote für Leiden dieser Art. Erinnern wir uns, wie wunderschön es damals war, als Alice Miller in ihrem Trostbüchlein vom Drama des begabten Kindes kannenweise Balsam ausschenkte.

Der New Yorker Charles Simmons hat schon im Roman Salzwasser wissen lassen, dass er einen ganz besonderen Zugang zum Biografischen hat. "Kalt vor Liebe" ist so ein typisch verschreckender Simmons-Satz, aber eigentlich ist Simmons in Salzwasser ganz comme il faut. Er spielt ein bisschen mit dem Material, das Turgenjew in der Novelle Erste Liebe verwendet hat, und weiß natürlich, dass eine ziemlich breite amerikanische Leserschicht uneingeschränkt und anhaltend in Tschechow verliebt ist, aber Turgenjew in ihrer Russenverehrung auch geradeso akzeptiert. Salzwasser erschien hier 1999, wurde sehr gelobt und die Lakonie des Autors unablässig gepriesen.

Charles Simmons, 1924 geboren, mehrere "Jahrzehnte" als Redakteur bei der New York Times Book Review beschäftigt, ist ein Schriftsteller, der nichts vom Glück hält. Bei ihm gibt es keine Erholung im Kitsch, in der Schönheit, kein Schwelgen in wohlgeformter Gegend, kein überflüssiges Gepäck. Als der Roman Lebensfalten 1978 im angesehenen Verlag Farrar, Straus & Giroux in New York erschien, war Charles Simmons vierundfünfzig Jahre alt, aber bereits bestens mit der Person eines alten Mannes vertraut, die immer nur "er" und niemals mit Namen genannt wird. Dieser "er" erzählt sein Leben und hofft, mit zunehmendem Alter auf einen Überdruss zu stoßen, der ihm die Todesangst nimmt. Doch leider sind die Aussichten schlecht, denn wahrscheinlich wird sich der Lebensüberdruss nicht einstellen.

Erzählt wird in Lebensfalten die Geschichte von Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben eines Mannes, der in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Welt kommt und sich ziemlich bald entschließt, an dieser Welt zu zweifeln und sie mit äußerst argwöhnischem Blick anzusehen. Zu Tante Mae fühlt er beispielsweise eine größere Zuneigung als zu seiner Mutter, obwohl sie die Güte in Person ist. "Aber Mütter waren Frauen. Was er wollte, war lange aufbleiben, alleine losziehen, Geld verdienen und Sachen kaufen." Nur der Vater, der wie die Mutter und der sieben Jahre ältere Bruder des "er"-Erzählers keinen Namen hat, wird bewundert. Außerdem hat er richtig Schwein gehabt, dass bei den vielen gefährlichen bis kleinkriminellen Jugendstreichen niemand ernsthaft zu Schaden kam.

Er wird auch kein Homosexueller, obwohl es Angebote gibt, und ist bereits zwanzig Jahre alt, als er zum ersten Mal mit einer Frau schläft. Mit zweiundzwanzig heiratet er, bekommt zwei Töchter, bleibt seiner Frau, bis alles aus ist, acht lange Jahre treu. Die nächste Ehe mit einer sehr viel jüngeren Frau lässt ihn hoffen, dass er sich jetzt innerlich auflockert und "künftig freundlicher über Menschen" schreiben kann. Doch er empfindet "nach wie vor für sich selber Mitleid, während er anderen gegenüber Groll hegt". Simmons entlässt seine Hauptperson in den Alkohol, in ein unregelmäßiges Leben, schickt ihn zum Analytiker und zum Psychiater. Einem jungen Journalisten wird er nach dem zweiten Drink anvertrauen, dass sein Sexualleben "bewegt und voller Verirrungen", aber großartig war. Wenigstens das.

Lebensfalten ist ein typisches Männerbuch, und wieder einmal muss man die Malaisen einer Pubertät, die Kunststücke beim Masturbieren und die taxierenden Blicke auf Beine, Po und Busen über sich ergehen lassen, und eigentlich könnte man das Buch vergessen, wenn es nicht so eigenartig abstoßend und dabei vereinnahmend kunstvoll geschrieben wäre. Charles Simmons schafft durch die Vermeidung von Eigennamen Kühle und Härte. Das "er" ist ein Fremder und zugleich ein Vertrauter. Er, und das ist der Trick, wird von ihm beobachtet, und der Erzähler retuschiert nichts, sondern genießt das Klima der Illusionslosigkeit und weiß, dass "er" trotzdem von Illusionen lebt.

Charles Simmons erklärt seinen "er" durch dessen Ticks und Vorlieben. Zum Beispiel für Mathematik und dabei besonders für die achtziger Zahlen, für Wortspiele und Männerfreundschaften. Die Liebe zu den Töchtern ist die stärkste, die er neben den starken Gefühlen für junge Männer, "die ihn an sein früheres Selbst erinnern", zu vergeben hat. Oder Menschen werden über Kleidungsstücke transparent: "Während die Moden wechseln, legte er wachsenden Wert auf altmodische Schuhe mit Lochmustern auf den Kappen." Als Maßnahme gegen den Tod wird er jenseits der sechzig immer gleich zwei Paar Schuhe kaufen. Simmons beschreibt alles nüchtern, Krankheiten, Gott, "die Welt schien ohne Gottes Eingreifen zu funktionieren", die Katholiken, Protestanten, den amerikanischen Antisemitismus, den freien Willen, und in Freuds gesammelten Werken hat er auch nicht folgenlos geblättert.