Es geht nur um Geschichten! - gleich dieser erste Satz, so werbend oder beschwichtigend er gemeint sein mag, gleich er erzeugt ein leichtes Schwindelgefühl. Denn was heißt hier "nur"? Könnte, sollte es um mehr, um viel mehr gehen als nur um Geschichten und Geschichtchen in diesem Buch? Eingeteilt ist es höchst übersichtlich in 62 durchnummerierte Abschnitte, und jede Nummer eröffnet einen Einblick in das nun über 50-jährige Leben des Autors, den wir ja ganz gut kennen oder zu kennen meinen: als Kursbuch-Herausgeber und Sinologen, als globetrottenden Reporter und Redenschreiber des Bundeskanzlers, Verfasser eines Tatsachenromans über das Nachleben von Lenins Gehirn und Beschreiber der Leiden des eigenen Rückgrats. Eine schön und riskant bunte Mischung - will Spengler die und damit sich erklären in einer regelrechten, seriösen Autobiografie?

Gleich die ersten, kurzen Erzählnummern geben dann den Ton an, ein präzises, schillerndes Parlando, wie gemixt aus Loriot und Süskind mit einem Schuss von Michael Krügerscher Erzählironie. Kurzum: aus dieser Prosa weht eine Brise Süden, Leichtsinn, München, ja Starnberger See - auf den Autor Spengler von seinem Schreibpult blickt - in das literarische Klima der Berliner Republik, in der man schärfere und bittere Töne eher schätzt, das Coole in der Jungherren-, das Nass- forsche in der Fräuleinwunderprosa.

Ja, wir meinen aus Spenglers Expositionsnummern sogar noch einen älteren, behäbigeren, übrigens auch im Süden, in München erzeugten Ton herauszuhören: die Hochstaplerrhetorik Felix Krulls. Denn Spengler, in seiner Maske als Autobiograf, schreckt nicht zurück vor gravitätischen Überlegungen und demütigen Eitelkeiten à la Krull: Er wolle in seinen Aufzeichnungen "das Bild eines Menschen entwerfen, der sich bemüht hat, einen gewissen Vorbildcharakter zu erfüllen. Unsere Gesellschaft geht in vielerlei Hinsicht schlampig mit Leitbildern um. Das wird durch diese Schrift gewiß nicht besser, doch sie unternimmt zumindest einen Versuch." So der Wortlaut, der sich im gleichen Atemzug selbst durch den Kakao zieht.

Doch über Eliten wird dieser Meister der leichten und falschen Töne immer wieder sinnieren, über die Angeber und Tonangeber in den medialen Bereichen der Empörung, des besorgt und wohlinformiert Seins, über sie und über seine eher klägliche Rolle unter ihnen. Er ist zwar ganz gern da oben dabei, ob in Bayreuth oder auf Staatsbesuch in Peking, doch mimt er dann am liebsten den unbedeutenden Komparsen oder den, der immer den richtigen Einfall am falschen Ort oder zur falschen Zeit hat. Er liebt seine sanften Blamagen und weiß sie so glänzend in Szene zu setzen, dass er sich sympathisch bleibt und uns sympathisch wird. Auch im Tiefstapeln ein Hochstapler.

Denn unser Autor beherrscht alle einschlägigen Erzähltricks. Er weiß Pointen zu verzögern oder ganz zu verweigern, er kennt den Zauber des unendlichen Abschweifens wie den Reiz der überraschenden Verknüpfung. Er setzt als Running Gag einen oberpfälzischen Halbidioten, den Debbala, ein, der aber clever genug ist, in Fernsehshows Karriere zu machen. Er streut sogar erzählstrategische Meditationen ein, gibt sich besorgt über die Gattung seiner aus Fakten und Finten gemischten Nummernfolge und misstraut seiner Rolle als erzählendes Ich, dem "Größenwahn des Ich-Erzählers", mit Recht. Denn schließlich war er von Kind auf Stimmenimitator (Lübke die erste Paradenummer) und hat dann diese Neigung und Gabe weitertrainiert und es schließlich bis zum Redenschreiber des Kanzlers, zum Schröder-Imitator gebracht. Also: Wer ist er überhaupt, diese Rollenperson, dieser alerte Adabei?

Im Grund nur, so behauptet der Untertitel, ein ewig Unfertiger, zur Not Schlag- und Leichtfertiger, glanzlos aufgewachsen zwischen Duisburg und Oberhausen und offenbar nie zuverlässig erwachsen, also mit sich selbst identisch geworden. Auch die fernen Jugend- und Familienszenen mischt Spengler locker hinein in sein Lebenskaleidoskop. Das springt kreuz und quer durch die Zeiten wie hin und her zwischen Ländern und Kontinenten. Eben noch in Bayreuth oder Cambridge, nun in Montenegro und gleich in Taipeh. Plötzlich lang und breit in einer dreckig überfüllten Pilgerzeltstadt im südlichen Indien, dann wieder auf Lesereise durch die Oberpfalz. Kreuz und quer, aber auch immer wieder von oben nach unten abstürzend und mit Schwung wieder zurück, von der stillfeinen Audienz beim Tenno ins balkanische Flüchtlingslager, vom Geplauder am Dinnertisch zur Konfrontation mit der Maschinenpistole eines Partisanen.

Unser Mann für überall, unendlich kompatibel, bleibt trotzdem unverwüstlich geistesgegenwärtig und heiter, ganz gleich ob er sich durch Dreck und Chaos schlägt oder sich bewährt in den strengen Ordnungen von Protokoll und Zeremonien. Mit immer wieder eingesetzten Felix-Krull-Tönen wirbt er um das Vertrauen des geneigten Lesers und versorgt ihn doch mit reizvollen Schwindelgefühlen. Wir sollen so wenig wie er selbst so ganz genau wissen, wo dieser Tatsachenbericht ausfranst und das reine Flunkern beginnt, ja ob sich Erlebtes ohne "phantastische Überhöhung" und ein wenig Dazuerfindung überhaupt erzählen lässt. Soll die Grenze ruhig flimmern und schillern. Umso besser lassen sich dann die Einzelteile dieses Lebenszickzacklaufs zusammenassoziieren, zusammenspinnen.