War's am Ende nur die Midlife-Crisis? Als der einstige Rock- und Schockpoet Wolf Wondratschek sich zum Troubadour eines restaurativen Macho-Kults machte und kokett fragte: "Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre?", wäre man ihm bei der Suche nach der Antwort gern behilflich gewesen. Als 1992 dann sein Romanerstling Einer von der Straße erschien, die klischeestrotzende Erfolgsgeschichte eines Münchner Rotlicht-Millionärs, fühlte man sich zur Rückfrage animiert: "Warum eigentlich das der achtziger Jahre?!"

Unterdessen hatte der solchermaßen kompromittierte Dichter sich bekanntlich auch im Boxen geübt, offensichtlich gut genug, um zu wissen, wie man sein Comeback vorbereitet. Das gelang ihm 1997 mit der Zirkusballade Das Mädchen und der Messerwerfer. Hier siegte die poetisch gezügelte Melancholie über das dicke tuende Melodram. Im Jahr darauf die fiktiven Kelly-Briefe - ein Triumph über die alte Angewohnheit, die Liebe vorrangig in Bars und Bordellen zu suchen. Und nun das! Vier furiose Erzählungen, vielleicht das Beste, was Wondratschek als Prosaist bisher gemacht hat.

Das Buch wurde seinem bei Nabokov entlehnten Motto zufolge von tatsächlichen Ereignissen inspiriert und "in Wien geschrieben". Die Wiener, sagt der Wiener, lieben den Tod wie ihren besten Feind. So findet der Autor in dieser Stadt, der "Versuchsanstalt für Vergangenheit", ein bleibendes Thema: die Jahre der eskalierenden Zipperlein, der Blick zurück auf das gelebte Leben und die Frage, was man mit dem jetzt merklich verrinnenden noch anfangen kann. So betrachtet lässt sich das Buch auch als eine kleine Hommage an den Genius Loci seines Schauplatzes lesen.

Von der Metropole freilich bekommen wir nichts zu sehen. Kein Sightseeing, keine Kulissenwechsel. Das Prosaquartett ist ein Kammerspiel, komponiert für vier Haupt- und einige markante Nebenfiguren. Allesamt sind es Künstler, die hier ihrem biologischen Verfallsdatum entgegenblicken und also eine Menge Vergangenheit mit sich schleppen. Auf Handlungsgeschehen können die Erzählungen dabei weitgehend verzichten. Denn was diese mehr oder minder gebrechlichen Künstlernaturen an individuell Erlebtem, an Schicksal und Erfahrungswissen sich von der Seele reden, ist derart aufregend und anrührend, so traurig und schön, dass man dem Leben selbst zuzuhören meint.

Auf der Party einer gemeinsamen Exfreundin begegnet das Erzähl-Ich einem Filmregisseur, der zu erblinden droht. Was diesen stoisch-heiteren Kauz aber nicht davon abhalten kann, seinem ästhetischen Traum nachzujagen: "Ich möchte etwas schaffen, das ich, ohne mich zu schämen, Giotto zeigen könnte." Im Gegensatz dazu die Gastgeberin: eine vormals umjubelte Ballerina, die das Ende ihrer Bühnenkarriere in die Sinnleere gestürzt hat. Als Trinkerin wird sie schließlich ihrem letzten Liebhaber in die Arme sinken, dem Tod. Während der Filmemacher, schwerstbehindert, aber schönheitstrunken, noch einmal nach Italien aufbricht - mit dem Fahrrad.

Im zweiten Stück der Auftritt einer alten Dame. Eine russische Emigrantin, die die Trostlosigkeit ihres einsam-absurden Weiterlebens beklagt. Allein den Jugendfreund Pollak schickt ihr der Autor noch manchmal vorbei.

Pollak ist ein mit Charme und Geist begabter Lebenskünstler, der sie zu unsentimentalen Erinnerungsausflügen in ihre Petersburger Kindheit ermuntert. Peu à peu entsteht so das subtile Porträt einer Frau, die den nie geschriebenen Roman ihres Scheiterns gleichsam verkörpert. Pollak erweist sich derweil als der willkommene "Archäologe ihrer Seele". Womit die Prosakunst des Autors auf den Begriff gebracht wäre.