Politische Korruption, also der Missbrauch einer öffentlichen Funktion zu privaten Zwecken, gehört seit eh und je zu den Plagen aller Regierungssysteme. Bereicherung im Amt, Bestechung und Bestechlichkeit, Patronage, Nepotismus und Unterschlagung beschäftigen auch in parlamentarischen Demokratien mit unschöner Regelmäßigkeit Volksvertretungen und Öffentlichkeit, lösen Empörung aus und werden heftig debattiert. In geschlossenen Gesellschaften dagegen, in totalitären Diktaturen zumal, wird über solche Missstände weitgehend geschwiegen. Gleichwohl existieren die entsprechenden Erscheinungen in der Tyrannis nicht weniger als in anderen Regimen: Weil in ihr jedoch jede Form wirkungsvoller Machtkontrolle fehlt und die öffentliche Diskussion gelenkt wird, kann sich Korruption praktisch ungehindert ausbreiten.

Kameraderie und Cliquenherrschaft

Diesen Sachverhalt hat der Historiker Frank Bajohr, hervorgetreten vor allem durch eine wichtige Studie über Arisierung in Hamburg, nun für die Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur untersucht. Ihre Repräsentanten, einst "die schärfsten Kritiker angeblicher ,Bonzenwirtschaft' der Weimarer Republik", etablierten nach der "Machtergreifung" im Jahr 1933 "eine tatsächliche ,Bonzenwirtschaft' nie gekannten Ausmaßes". Ihre Existenz veranlasst den Autor dazu, die Korruption im "Dritten Reich" nicht nur als ein auch für andere politische Systeme leidiges Randphänomen zu bewerten. Vielmehr erscheint sie ihm als "eine für das Herrschaftssystem konstitutive Praxis", ja als "ein Strukturmerkmal der NS-Bewegung". Kameraderie und Cliquenherrschaft, das Prinzip der für alle Ebenen der Partei und des Regimes charakteristischen Führer- und Gefolgschaft, waren dafür von Beginn an verantwortlich. Das erstreckte sich unmittelbar nach der Zäsur des Januar 1933 vor allem auf die "Wiedergutmachung" für "Alte Kämpfer" und Parteigenossen, wenn es um Positionen im öffentlichen Dienst ging; das prägte den protzigen Lebensstil der nationalsozialistischen Elite in Frieden und Krieg; das führte zu schlimmsten Auswüchsen in den während des Zweiten Weltkrieges besetzten Territorien; und das spielte nicht zum Geringsten bei der Judenverfolgung bis hin zum Holocaust eine beschämende Rolle.

Möglichkeiten, gegen die Korruption vorzugehen, ergaben sich im "Dritten Reich" immer dann, wenn der ansonsten totgeschwiegene Tatbestand in Cliquen- und Machtkämpfen zum Mittel der wechselseitigen Attacken wurde. Selbst als sich in der zweiten Kriegshälfte die aufgebrachte Volksmeinung über den Luxus der nationalsozialistischen Elite empörte, beschränkte sich das Regime darauf, vereinzelte Bauernopfer zu bringen, ohne die Großen, allen voran Hermann Göring, zur Verantwortung zu ziehen.

Auf einer breiten archivalischen Grundlage hat Frank Bajohr die vielfältigen Probleme seines Untersuchungsgegenstandes ebenso anschaulich wie reflektiert dargestellt. Ein Vergleich mit anderen totalitären Systemen des 20.Jahrhunderts könnte dazu verhelfen, die zentrale Frage nach der konstitutiven Bedeutung von Korruption für Diktaturen im Allgemeinen und für den Nationalsozialismus im Besonderen zu klären. Dass freilich, wie der Autor argumentiert, "die Korruption Herrschaft und Gesellschaft" im "Dritten Reich" so miteinander verschränkt habe, dass "die NS-Herrschaft nicht als Diktatur von oben nach unten, sondern als soziale Praxis" zu verstehen sei, "an der die deutsche Gesellschaft in vielfältiger Weise beteiligt war", weil "sich auch viele ,ganz normale Deutsche' durch Bereicherung in die nationalsozialistische Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik" verstrickt hätten, kann wohl kaum als definitives Ergebnis gewertet werden. Vielmehr wirft diese entschiedene These aufs Neue grundlegende Fragen auf, welche die Geschichtswissenschaft auch künftig beschäftigen werden.

Frank Bajohr:Parvenüs und Profiteure Korruption in der NS-Zeit; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001; 256 S., 44,90 DM