Im Dezember 1918, während eines Besuchs in München, erlebte der Romanist Victor Klemperer einen öffentlichen Auftritt des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner: "Eisner kommt dicht an mir vorbei ... Ein zartes gebrechliches winziges gebeugtes Männchen. Der Schädel kahl, nicht imposant groß. In den Backen hängen ihm schmutziggraue Haare. Der Vollbart ist rötlich ..., die schweren Augen sehen trübgrau durch Brillengläser, nichts Geniales, nichts Ehrwürdiges, nichts Heroisches ist an der ganzen Gestalt ... Wie kann dieser Feuilletonist, diese Wippchennatur ohne heroische, ohne dictatorische Geste auf das Volk u. nun gar auf die Bayern wirken? Aber eines ist mir gewiß geworden: er herrscht in Bayern, er ist im Volk verankert, das ihn wie einen Gott verehrt. Vielleicht wird er bald fallen, aber zur Zeit stützt er sich gewiß auf das Volk." Eisner fiel bald; am 21. Februar 1919 wurde er von einem Leutnant und Studenten der Rechte, Anton Graf Arco auf Valley, auf offener Straße erschossen.

Gerade hundert Tage war der erste bayerische Ministerpräsident im Amt, als ihn die Kugeln des Mörders trafen. Und doch ist der Mann, der in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 die Dynastie der Wittelsbacher gestürzt hatte, bis heute eine Reizfigur geblieben, an der sich die Geister scheiden. Vor allem in Bayern erinnert man sich nur ungern an den Schöpfer des "Freistaats". Erst im November 1989 wurde am Ort seiner Ermordung eine Gedenktafel angebracht.

Die meisten Historiker haben dieses Leben von seinem Ende her gedeutet, als Biografie eines Scheiterns. Mehr oder weniger bewusst übernahmen sie dabei bestimmte Stereotypen, die schon zu Eisners Lebzeiten über ihn in Umlauf waren - vor allem das des weltfremden Idealisten und Literaten, der eher durch Zufall in die Politik geraten sei und auf diesem ungewohnten Terrain nur Unheil habe stiften können. Seine äußere Erscheinung, wie sie Klemperer beschrieben (und Germaine Krull in einer berühmten Fotografie kurz nach der Revolution festgehalten) hat, schien diesem Klischee nahezu perfekt zu entsprechen.

Bernhard Grau, Mitarbeiter im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München, hat sich nun darum bemüht, das Bild Eisners von den Legenden und Verzerrungen zu befreien, die sich seit seinem gewaltsamen Tode hartnäckig gehalten haben. Anders als manch bisheriger Biograf fixiert er sich nicht auf die letzten Monate, sondern bezieht die der kurzen Amtszeit als bayerischer Ministerpräsident vorausgehenden Lebensphasen intensiv mit ein. Sein Ziel ist es, Eisners politisches Handeln in der Novemberrevolution aus seinem gesamten Werdegang heraus verständlich zu machen und damit eine sichere Basis für das historische Urteil zu gewinnen. Dabei konnte er sich stützen auf eine Fülle neu entdeckter Quellen, vor allem auf den umfangreichen Nachlass Eisners in einem Archiv der ehemaligen DDR, der lange Zeit nur schwer zugänglich war.

Nach 1918 wurde von Antisemiten das Gerücht in die Welt gesetzt, Eisner sei ein galizischer Jude und heiße eigentlich Kosmanowsky. Tatsächlich stammten seine Vorfahren aus Böhmen und Mähren. Der Vater hatte sich als Kaufmann in Berlin niedergelassen. Grau schildert die typische Kindheit und Jugend in einer liberalen deutsch-jüdischen Bürgerfamilie, die sich von ihren religiösen Bindungen bereits weitgehend gelöst hatte. Nach dem Abitur am Askanischen Gymnasium 1886 begann Kurt Eisner ein Studium der Philosophie und Literaturgeschichte an der Berliner Universität. Offenbar schwebte ihm zunächst eine wissenschaftliche Laufbahn vor; doch die Doktorarbeit über Achim von Arnim blieb unvollendet. Stattdessen entschied er sich für den Journalismus - in den Augen des Autors eine glückliche Fügung, denn bereits in den ersten Artikeln, die der Student für die Gesellschaft Michael Georg Conrads, die wichtigste Stimme der jungen literarischen Bewegung des Naturalismus, schrieb, entdeckt er Züge eines außergewöhnlichen Talents.

Zum ersten Mal werden in dieser Biografie die verschiedenen Stationen von Eisners journalistischer Karriere erforscht. Das Handwerk lernte er in allen wichtigen Facetten kennen - zunächst in einem Depeschenbüro, danach bei der liberalen Frankfurter Zeitung. Grau beschreibt das Verhältnis des jungen Redakteurs zum Pressegewerbe als "eine Art Haßliebe". Auf der einen Seite verkannte Eisner nicht die publizistischen Wirkungsmöglichkeiten, die ihm ein großes Blatt wie die FZ bot; auf der anderen Seite litt er unter Abhängigkeit und Gesinnungsdruck. "Niemand hat" - beklagte er einmal die "unwürdige Stellung des bürgerlichen Journalisten" - "so wenig Einfluß auf die Zeitung, wie die Leute, die sie schreiben und redigieren. Diese Redakteure sind Privatangestellte geschäftlicher Unternehmungen, nichts anderes, wie Bankbeamte, Warenhausverkäufer oder Fabrikchemiker ... Sie dürfen keine Charaktere sein, das wäre störend; man fordert nur fachliche Routine von ihnen." Nach Konflikten mit der Geschäftsleitung schied Eisner bereits nach eineinhalb Jahren aus der Frankfurter Redaktion aus.

Als pragmatischer Radikaler zwischen allen Stühlen