Vor wenigen Jahren erschien in Paris ein siebenbändiges Sammelwerk über die Lieux de mémoire, die "Erinnerungsorte" Frankreichs. Dort hatte der Herausgeber Pierre Nora 130 Essays über Fragmente des französischen Kollektivgedächtnisses versammelt. In der Öffentlichkeit des Landes, aber auch in der internationalen Geschichts- und Kulturwissenschaft fand das Projekt als innovative Erkundung eine erstaunliche Resonanz. An seiner geschichtspolitischen Intention konnten indes kaum Zweifel aufkommen: In einer Epoche beschleunigten sozialen Wandels, dem Frankreich erst seit den 1970er Jahren, nicht sogleich nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesetzt war, sollte durch die "Erinnerungsgemeinschaft" der Leser, nach Möglichkeit natürlich überhaupt aller Franzosen, das Identitätsbewusstsein des douce France mit einem dezidiert konservativen, Sinn und Selbstbewusstsein stiftenden Rückgriff auf die eigene Geschichte stabilisiert werden. Diese Absicht teilte Noras Opus mit der gleichzeitig erscheinenden Nationalgeschichte Fernand Braudels, denn das letzte Werk des Doyens der Pariser Historiker lebte ebenfalls von der leidenschaftlichen Beschwörung französischer Identitätstraditionen.

Insofern darf man darauf gespannt sein, wie Etienne François (der langjährige Leiter des französischen Kultur- und Forschungszentrums Marc Bloch in Berlin, derzeit des Frankreich-Zentrums der Technischen Universität) und Hagen Schulze (Neuzeithistoriker an der FU Berlin, neuerdings Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London) darangegangen sind, ein vergleichbares Vorhaben über Deutsche Erinnerungsorte zu organisieren und zu strukturieren. Unmissverständlich war ja von vornherein zu erkennen, dass eine direkte vergangenheitspolitische Imitation der Noraschen Traditionspflege wegen der erratischen Blöcke in der jüngeren deutschen Geschichte ausgeschlossen war, da diese Blöcke sich gegen jede umstandslose Kontinuitätsvereinnahmung sperren. Unvermeidbar müssen zahlreiche Traditionsbestände und Identitätsvorstellungen im Licht des "Zivilisationsbruchs" seit 1933 überprüft werden.

Es geht nicht nur um den Bamberger Reiter

Jetzt liegt der erste Band des umsichtig vorbereiteten Werkes vor (zwei weitere Bände sollen im Herbst erscheinen). Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist günstig. Zum einen hält die Suche nach glaubwürdigen, wünschbaren, belastbaren Traditionen der neuen Bundesrepublik an. Zum anderen hat sich während der gegenwärtigen Debatte über eine erneuerte Kulturwissenschaft die Geschichte des Gedächtnisses und der Erinnerung geradezu als Modeströmung ausgebreitet. Diese Konjunktur wird der Aufnahme der drei Bände in Gestalt eines lebhaften Interesses zugute kommen. Das gilt auch ungeachtet der Tatsache, dass unter dem älteren Stichwort des "historischen Bewusstseins", das manchem von der absoluten Neuartigkeit seines Ansatzes überzeugten Adepten des Gedächtniskults im Hinblick auf die eigene Wissenschaftsgeschichte offenbar abgeht, nicht wenige Phänomene der Kollektiverinnerung, etwa im Anschluss an die bahnbrechenden Studien des französischen Soziologen Maurice Halbwachs, bereits produktiv erörtert worden sind.

Äußerlich haben sich die beiden Herausgeber mit 120 Essays in etwa an die Anzahl der Beiträge zu Noras Werk gehalten. Aber den Ordnungskriterien des einflussreichen Modells mit seinem stillschweigend zugrunde gelegten einheitlichen kulturellen Kanon konnten sie nicht folgen, sie wollten es auch gar nicht. Zu widersprüchlich und disparat ist die verwirrende Vielfalt der deutschen Geschichte, zumal die des 19. und 20. Jahrhunderts, wo aus guten Gründen der Schwerpunkt der drei Bände liegt.

Dieser Vielfalt nuanciert gerecht zu werden - darauf sind die aus vielen Wissenschaften, Ländern und Altersgruppen stammenden Autoren verpflichtet worden. Alles andere als eindeutig sind zum Beispiel Schlüsselbegriffe wie "deutsch" oder "Deutscher". Sie wurden daher je nach der zeitgenössischen Bedeutung in einer Epoche bestimmt. Genauso wenig ist "Deutschland" ein konstant gleichbleibender geografischer oder politischer Block, sodass es folgerichtig in seine europäischen "Verknüpfungen und Überschneidungen" (Straßburger Münster, Stalingrad) eingebettet wird. Ob ein "Erinnerungsort" bedeutend oder trivial ist, soll, da allein die Wirkungsgeschichte zählt, als Selektionskriterium nicht gelten. Und wenn auch historisches Gedächtnis jene Segmente vergegenwärtigter Vergangenheit meint, die jeweils unter aktuellen lebensweltlichen Gesichtspunkten ausgewählt werden, variiert doch das emotionale Engagement ganz beträchtlich. "Tannenberg" lässt heutzutage die Herzen nicht mehr höher schlagen.

Nun denn: Worum geht es bei diesem Projekt, welche Ziele und Interessen verfolgt es? "Erinnerungsort" wird hier nur selten wortwörtlich als Lokalität verstanden, wenn etwa von Denkmälern und Domen die Rede ist. Vielmehr steht der Begriff im Allgemeinen als abkürzende Metapher, als Topos im strengen Wortsinn, für eine Vielzahl von heterogenen Erscheinungen: für Gestalten und Ereignisse, Gebäude und Monumente, Institutionen und Begriffe, Siege und Niederlagen, Kunstwerke und Bücher. Sie alle sollen in ihrem histori-schen Zusammenhang, modisch gesprochen: in ihrem sozialen und politischen Raum, erfasst und auf ihre Bedeutung, die sie im historischen Prozess für die Kollektiverinnerung gewonnen haben, befragt werden. Dabei geht es nicht um eine möglichst realistische Beschreibung des Phänomens an sich, etwa des Bamberger Reiters, sondern, wie die Herausgeber in einer glücklichen Definition ihrer Absichten festhalten, um die "symbolische Funktion" von "langlebigen, Generationen überdauernden Kristallisationspunkten kollektiver Erinnerung und Identität", die sich aber mit dem Wandel der historischen Konstellationen selber wiederum zu verändern vermögen.