Mit etwa eineinhalb Millionen Mitgliedern ist New York City heute die größte jüdische Gemeinde der Welt und gilt als Symbol für erfolgreiche Existenz in der Diaspora. Insgesamt sind über 40 Prozent aller Juden der Welt US-amerikanische Staatsbürger. Die große Immigration erfolgte zwischen 1881 und 1923, als Millionen Juden durch Pogrome, Arbeitslosigkeit und antijüdische Maßnahmen aus ihrer osteuropäischen Heimat vertrieben wurden und in der Hoffnung auf ein besseres und freies Leben nach Amerika, in "di goldene medineh", strömten. Doch so "golden" war die Situation für ostjüdische Einwanderer nicht. Die Integrations- und Akkulturationsprozesse waren mühsam.

Ruth Gay, die zu jener jüdischer Generation gehört, die bereits in Amerika geboren wurde, hat einen anschaulichen Bericht über ihre Kindheit und Jugend in der Bronx veröffentlicht. Es ist ein Bericht über Verluste, Trennungen, Brüche und Unterbrechungen. Wir erfahren nicht nur sozialgeschichtlich aufschlussreiche Details über die Haltung der New Yorker Gesellschaft gegenüber Einwanderern, sondern erhalten auch Informationen über die Spannungen zwischen den mittelständischen, amerikanisierten deutschen Reformjuden und ihren orthodoxen, armen jiddisch sprechenden Glaubensgenossen aus der Lower East Side.

Als Kind wurde die Autorin oft mit der jiddischen Redensart "Narrele, wus lachste?" zur Ernsthaftigkeit angehalten. Doch Erlebnisse wie die, dass Kinder ihren Eltern, die kein Wort Englisch verstanden, die Regeln des Baseballspiels auf Jiddisch zu erklären versuchten, müssen schon sehr komisch gewesen sein. In der Regel jedoch waren die Eigenheiten und Absurditäten der Identitätsbrüche nicht zum Lachen. Dass sich das Jiddische gegen seine Übersetzung in die städtische Welt der Bronx sperrte, war für die Betroffenen ein ernstes Problem.

"Waren wir Amerikaner oder eine Art Mischwesen", fragt sich die Autorin. Ihre Generation nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft nicht leichtfertig als billiges Geschenk, sondern schätzte sie mit einem Gefühl, das der Verehrung nahe kam. Nur wenige Einwanderer hegten keine Dankbarkeit dafür, dass Amerika sie aufgenommen hatte. Schmerzliche Erinnerungen an tragische und demütigende Geschichten vermochten nicht den Stolz darüber auslöschen, dass sie sich in der Neuen Welt einen Platz erobert hatten.

In den zwanziger und dreißiger Jahren erlebten die Institutionen, die die Einwanderer gegründet hatten, um ihre Lebensweise aufrechtzuerhalten, eine letzte Blüte: Synagogen, "Landsmannschaften", Zeitungen und Theater. Doch die Schirmherren der alten Kultur wurden älter, und die Jungen begannen sich mehr für Hollywood als für Schtetl-Romantik zu interessieren. Dennoch, so meint Ruth Gay, sei das Erbe des traditionellen Judentums, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Osteuropa kam, nicht verschüttet, sondern habe sich "unaufhörlich weiterentwickelt". In Amerika wurde das osteuropäische Judentum unmittelbar mit der Moderne konfrontiert und musste den "sprachlichen, kulturellen und sozialen Sprung" innerhalb einer Generation bewältigen.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Nachrichten über die Vernichtungslager in die Vereinigten Staaten gelangt seien, habe das bei den Juden nicht nur einen Schock, sondern auch eine Neubesinnung ausgelöst. Es wurde offenbar, dass die Welt, aus der die meisten Einwanderer stammten, gemeinsam mit ihren Bewohnern vernichtet worden war. Als Tag für Tag die Geschichten und Bilder des Holocaust in der New York Times erschienen, sei die jüdische Gemeinschaft wieder enger zusammengerückt. Vor allem die jungen Juden in Amerika hätten plötzlich erkannt, dass sie eine große Verantwortung geerbt hatten, eine Verantwortung, die ihnen auch durch die Gründung des Staates Israel nicht abgenommen worden sei: die Bewahrung der Erinnerung an die osteuropäisch-jüdische Kultur. "Die Beanspruchung dieser Vergangenheit", so bemerkt Ruth Gay am Ende ihres beeindruckenden Lebensberichts, sei "zu einer der Leidenschaften der amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft" geworden.

Ruth Gay:Narrele, was lachst Du? Ostjuden in Amerika; aus dem Englischen von Christian Wiese; Siedler Verlag, Berlin 2001; 288 S., 39,90 DM