Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung hat sich als Chronist der Studentenbewegung einen Namen gemacht. Mit dem vorliegenden Band verfolgt er ein doppeltes Ziel: Der Politikwissenschaftler will die Theorie des Totalitarismus bilanzieren. Der Zeitgenosse von 68 ff. (Kraushaar war Mitglied im SDS und AStA-Vorsitzender in Frankfurt am Main) konfrontiert sein altes Milieu mit fragwürdigen Traditionsbeständen. Diese Kritik ist nicht neu, aber sie erhält hier doch eine neue Qualität, vor allem durch die Einleitung Daniel Cohn-Bendits. "Wer vom Totalitarismus schweigt, sollte auch nicht über Freiheit reden", so wendet er das berühmte Horkheimer-Diktum ("Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen") gegen manche Linke von damals und heute.

Schon in den siebziger Jahren hat der Zeithistoriker Karl-Dietrich Bracher auf eine tiefgreifende Veränderung im politischen Sprachgebrauch hingewiesen: An die Stelle des antitotalitären Konsenses, wie er nach 1945 in den Begriffen "freiheitliche Demokratie" versus "totalitäre Diktatur" zum Ausdruck kam, trat mehr und mehr die Alternative "Kapitalismus oder Sozialismus", wenn nicht gleich der Gegensatz "Sozialismus contra Faschismus". Bracher sah darin einen folgenschweren Vorgang für die politische Kultur der zweiten deutschen Demokratie; Kraushaar sieht darin eine schwere und anhaltende Belastung nicht nur der linken Ideengeschichte, sondern auch für alle Impulse und Anregungen, die von einer "antitotalitären Linken" in Zukunft noch kommen könnten.

Viele haben damals Brachers Kritik eher als eine konservative Intervention gewertet. Es tut diesem Buch gut, dass Kraushaar jetzt, da sich die Zeiten geändert haben, keine billigen und späten Triumphe feiert. Der Autor hält, daran lässt er keinen Zweifel, die Totalitarismus-Theorie für einen vernünftigen Ansatz, seine Fragen reichen aber darüber hinaus. Er erinnert daran, dass die Denkfigur einer "konstitutionellen" (als Alternative zur "totalitären") Diktatur dem deutschen Staatsdenken vor 1933 keineswegs fremd war, und er weiß auch, dass Demokratien aus ihrer Mitte freiheitsgefährdende Tendenzen hervorbringen können. Auch kommen seine kritischen Einwände nicht erst jetzt. Schon früh hat er Klartext geredet, etwa in seinem Bericht von 1978 über einen vom Solidaritätskomitee in West-Berlin organisierten Kongress für den in der DDR inhaftierten Regimekritiker Rudolf Bahro: "In Berlin konnte man sie in voller Aktion erleben, die linken Geisterfahrer, die sich, ohne es zu merken, nicht nur auf der falschen Spur der Geschichte befinden, sondern sich obendrein auch noch alle auf der vermeintlichen linken Überholspur drängelten" - und dort vom internationalen Weltproletariat geträumt, Stalins Verbrechen verharmlost und die Prager Ereignisse von 1968 eher verdrängt hätten.

Die zehn Beiträge Kraushaars, bis auf diese eine Ausnahme alle aus der Zeit zwischen 1992 und 2000, vermitteln eine Ahnung der Gründe linker Sprachlosigkeit nach 1989. Dennoch überrascht den Leser, der nicht aus der Mitte des Milieus kommt, das furiose Engagement, mit dem Kraushaar und Cohn-Bendit jetzt, im Jahre 2001, gegen "linke Geisterfahrer" zu Felde ziehen. Man kann ja nicht gerade behaupten, dass gegenwärtig auf der linken Überholspur noch großes Gedränge sei; eher bewegt sich gar nichts mehr, dort nicht und auch sonst wenig. Vielleicht ist die herrschende Ideenlosigkeit eine der Spätfolgen jener überhitzten Jahre. Keiner will sich mehr die Finger verbrennen. Warum dann aber die ganze Aufregung? Unter dem Firnis der Zivilisation, wollen die Autoren sagen, lauert die totalitäre Versuchung, nicht nur gestern, nicht nur auf der Linken, nicht nur für Intellektuelle.

Wolfgang Kraushaar:Linke Geisterfahrer Denkanstöße für eine antiautoritäre Linke; Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 2001; 284 S., 38,- DM