Ein seliges Lächeln liegt auf des Lesers Gesicht. Es ist wie einst im Mai 1972. Du sitzt im alten Klassenzimmer, über dem Schulaufsatz. Du schreibst mit fliegender Hand, denn wer fertig ist, darf gehen. Du rennst: zum Brauereiberg, wo das Volk sich ballt. Schon jagen die Fahrer heran, durch Jubel und Fähnchengeschwenk. In Sekunden rast der bunte Peleton vorbei. Mittendrin der Gelbe: Michael Milde, das wilde Kind der DDR. Rasch heim, ans Radio. Fanfare, dann beorgelt Waldefried Vorkefeld aus dem rollenden Übertragungswagen das Auf und Ab der Etappe. Und nun nur noch ein Kilometer bis hinein in das Erfurter Stadion! Milde siegt im Spurt, zum dritten Mal in Folge.

Die DDR ist nicht erzählbar ohne ihre Tour de France, die Internationale Friedensfahrt Prag-Warschau-Berlin. Jedes Ostkind, das mit Ehrgeiz Fahrrad fuhr, imitierte ihre Helden: den schönen Italiener Pietro Guerra, Ole Hojlund, den fürchterlichen Dänen, den Polen Rsyzard Szurkowski alias der kleine Szur. Es gab auch einen großen Schur: Gustav Adolf, Täve, den mythischen Sieger von 1955 und 1959 und vermutlich populärsten Sportler der DDR. Jetzt wurde er 70. Die Autobiografie erschien: von Täve persönlich erlebt und verschriftet von seinem alten Intimus Klaus Ullrich (Huhn). Der war früher Sportchef des Neuen Deutschland und hat nichts verlernt.

Das Buch beginnt gesamtdeutsch: mit der Hitlerei. Täve ist beim Jungvolk. Täve glaubt an den Führer. Täve erlebt einen Fliegerangriff und kommt ins Grübeln. Der Krieg ist aus, die Nazis sind spurlos verschwunden. Täve lernt Mechaniker in Körbelitz bei Magdeburg. Dorthin rast er täglich mit einem klapprigen Tourenrad und abends zurück nach Heyrothsberge. Sein erster Wettkampfgegner ist der Linienbus. Schurs Aufstiegsjahre sind auch die der DDR. 1952 bis 1965, das wird seine Zeit. Mit Lust und Kondition erzählt Schur sein Rennfahrerleben, das ihn bald in die nationale Leistungsspitze führte und damit ins Ausland. Wer dort für die DDR fuhr, strampelte auch gegen den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik. Oh, was lesen wir da alles über deren schmutzige Tricks! Und wir lernen, dass die DDR mitnichten ein peinlicher Bodybuilding-Zwerg gewesen ist. Sie bedurfte sportlicher Erfolge, um wider alle Nato-Sabotagen internationale Anerkennung zu erlangen. Täve siegte also für den Frieden und das europäische Gleichgewicht. Und radelte immer wieder heim nach Heyrothsberge, zu Mutters Holunderbeersuppe und zur Arbeiterklasse, die ihm inzwischen ein Haus gebaut hatte. "... dieser Hausbau war und bleibt einer der Gründe, warum ich mein Leben lang an der Seite derer bleiben werde, die damals unser Land aufbauten."

Jenseits aller Sporthistorie liegt der Wert dieses Buches darin, dass es ein idealtypisches Selbstporträt der DDR-Aufbaugeneration überliefert. Dem SED-Regime diente Schur als perfekter Transmissionsriemen zwischen Ideologie und Arbeiterschaft. Er war volkstümlich, schlicht, als leutseliger Sportscharakter überall präsentabel und staatsloyal. Mit Klaus Ullrichs Unterstützung erblicken wir Täve, internationalistisch von französischen Arbeitern umringt. Wir genießen, wie souverän unser Held westlichen Werbeagenten eine entschiedene Abfuhr erteilt. Nie vergessen wir Täves größten Triumph: 1960, Weltmeisterschaft auf dem Sachsenring. Täve, amtierender Champion, wird scharf von Belgiern und Italienern bewacht. Indessen entflieht dem Feld der kleine Bernhard Eckstein. Dessen Vorstoß nimmt keiner ernst, denn Belgier und Italiener wissen nichts von Kollektivmoral. Im Kapitalismus darf ja nur der Boss gewinnen. Eckstein siegt, dank Täve, und der Kapitalismus ist fassungslos - bis 1989.

Einer von Täves schönsten Sätzen lautet: "Mein Interesse für die Politik führte mich wohl auch in die Parlamente zweier deutscher Staaten." Von 1958 bis zur "Rückwende" saß er für die SED in der Volkskammer. Das Ostvolk dachte darüber wie B. L. aus Hoyerswerda: "Als Radsportler war er klasse, aber als Volkskammer-Abgeordneter ein Schleimer." Täves Erinnerung an all diese Jahrzehnte geht, so scheint es, gegen null. An der DDR störte ihn, dass Sportfunktionäre rauchten, ja bisweilen sogar tranken. Seit 1998 sitzt er für die PDS im Bundestag, kämpft für mehr Ostförderung und Schulsport und erschüttert das Hohe Haus mit der Aufzählung kapitalistischer Perversitäten, die uns auch sein meinungsstarkes Buch nicht vorenthält. Das DDR-Doping verweist er ins Fabelreich, wo auch die "Stasikeule" gegen den Osten geschwungen wird. Gorbatschow ist ein Idiot, der Täve so erzürnt, dass er unsere Freunde aus dem Lande Lenins rüde "Sowjets" nennt. Aber dann, auf Seite 252, kommt der Hammer mit der Sichel: "Ich will nicht zurück in die DDR", schreibt Schur. Täve, warum? Wenn das Klaus Ullrich Margot Honecker vorliest!

Gustav Adolf Schur:Täve Die Autobiographie; Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001; 256 S., 34,- DM