Was hat sich dieser Autor aufgeladen! Seit Johannes R. Becher zum 65. Geburtstag des SED-Chefs 1958 seine Hagiografie veröffentlicht hat, sind fast in jedem der folgenden Jahrzehnte Ulbricht-Biografien erschienen, zuletzt, in den neunziger Jahren, eine "neue" von Norbert Podewin und die bemerkenswerte zeitgeschichtliche Studie Monika Kaisers über die Entmachtung des Mächtigen durch Erich Honecker. Nach dem Neuen also nun das Allerneueste?

Im Vergleich zu seinen Vorgängern bringt Mario Frank einen unschätzbaren Vorteil mit: Er ist der erste Ulbricht-Biograf, der "von außen" kommt, nach seiner Schweizer Kindheit in Westdeutschland studierte und die Zustände in einem kommunistischen Parteiapparat, die Bürokratie und ihre Formelsprache, die Machtkämpfe und Intrigen gegen "Abweichler" und "Verräter", unbefangener und souveräner, auch aus neuen Blickwinkeln betrachten und beschreiben könnte als die bisherigen Biografen, die zu den Kadern der Partei gehörten.

Hinzu kommt: Frank, heute Geschäftsführer der Sächsischen Zeitung und der Morgenpost in Dresden, ist ein außergewöhnlich fleißiger Autor. Keine gewichtige Quelle ist ihm entgangen. Er hat Akten der Kommunistischen Internationale, des SED-Parteiarchivs, auch des Staatsrates der DDR sowie der Gauck-Behörde ausgewertet, die Protokolle des Sächsischen Landtages in den zwanziger Jahren, Memoiren früherer Spitzenfunktionäre und nicht zuletzt jene vielen, zum Teil sehr aufschlussreichen Manuskripte, die nach der Wende, in dem Jahrzehnt der wissenschaftlichen Aufarbeitung der SED- und DDR-Geschichte, publiziert worden sind.

Zwar müssen wir angesichts all des Neuen unser bisheriges Ulbricht-Bild nicht revidieren - das war zuletzt nach Monika Kaisers Forschungsbeitrag nötig. Der Wert der neuen Biografie steckt in der Fülle bisher weithin nicht bekannter Einzelheiten, die noch erklärlicher als bisher machen, wie es dem Mann mit der sich bisweilen überschlagenden Fistelstimme, der im reinsten Sächsisch, manchmal sich verhaspelnd, seine Reden hielt, wie es diesem Funktionär, weithin unbeliebt und ohne Freunde, dazu auch noch verkrampft, nachtragend und verschlossen, wie es einem derart unsympathischen Menschen gelang, der erste Mann der DDR zu werden.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Wer wusste bisher, dass Ulbricht schon 1928 Mitglied der KPdSU geworden ist, wie er sich während der Großen Säuberungen in der UdSSR verhielt, worüber Stalin mit den deutschen Spitzenfunktionären sprach, wie oft und wann er wen empfing oder welche Informationen der DDR-Staatssicherheitsminister Mielke dem SED-Chef im Geheimen zukommen ließ?

Besonders eindrucksvoll ist dem Autor das erste Kapitel seiner Biografie gelungen, die Darstellung des Juni-Aufstands 1953 und der damit verbundenen Auseinandersetzungen im Politbüro: ein geglückter, vielversprechender Anfang. Ein Ausmaß an Charakterlosigkeit tut sich da auf. Als es so aussieht, als werde Ulbricht stürzen, machen seine Genossen ihrem lange aufgestauten Groll gehörig Luft. Wortreich werfen sie ihm vor: Eigenmächtigkeit, vorenthaltene Informationen, Großmannssucht und Niedertracht. Und als das Blatt in Moskau sich zugunsten Ulbrichts wendet, kriechen sie zu Kreuze: Einer nach dem anderen übt diese schauerliche Selbstkritik, gelobt Besserung, unterwirft sich neu. Mario Frank nennt haarsträubende Beispiele für den Personenkult, den der "Erste Tischler seines Staates" mit sich treiben ließ. Und er beschreibt, wie der Diktator, das Vorbild des Generalissimus vor Augen, es verstand, sich in alle Bereiche einzumischen, hauptsächlich in die Wirtschaft, aber auch in die Justiz, die Architektur, die schönen Künste. Schneller als seine Gegenspieler erkennt er im Kreml vollzogene Richtungswechsel, schwenkt um und ein, nutzt jahrzehntelange Apparaterfahrung, Machtbewusstsein, verbunden mit Durchsetzungsfähigkeit, Organisationstalent und Fleiß, dazu noch ein schnelles Auffassungsvermögen und ein gutes Gedächtnis, um über andere zu triumphieren.

Leider entledigt sich der Autor selbst des Vorteils, "von außen" an das Thema heranzukommen. Schon nach den ersten 50, 60 Seiten steckt er knöcheltief im Apparat, verfällt nun seinerseits dem Kult der "Org.-Arbeit", der typischen Detailbesessenheit in den Bezeichnungen und Begriffen, der Vielfalt der Regelverstöße und Abweichungen in ei-ner kommunistichen Partei und dem Parteichinesisch. Um "den Intellek- tuellen ... ein Gegengewicht in Form künstlerisch tätiger Arbeiter entgegenzusetzen" - hier klingt Mario Frank ganz wie Originalton Ulbricht.