Andere Themen werden heute eher im Flüsterton vorgetragen. Sie finden unterm Seitenbruch, in den Randspalten oder im Innern der Zeitungen statt: Die Atommülltransporte beispielsweise, die ein weithin ungeliebter grüner Umweltminister - unter anderem gegen den Geist und das Fußvolk seiner eigenen Partei - durchsetzen muss: "Wütende Proteste gegen die Grünen- Prominenz", berichtet die "Süddeutsche Zeitung" von der "Stunkparade" in Gorleben und liefert damit indirekt auch eine Erklärung für die fortgesetzte Talfahrt der Grünen bei den bundesdeutschen Landtagswahlen. Etwas anders die Wahrnehmung der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Sie titelt: "Die Castor-Gegner demonstrieren vorerst friedlich", so als sei der zutagegetretene Dissens der Anti-Atombewegung mit ihrer Hauspartei nur dann ein Thema, wenn er mit Zwillen, Steinen und Knüppeln ausgetragen wird.

Zwei weitere Themen, von denen die bundesdeutsche Öffentlichkeit am liebsten gar nichts mehr hören würde, lassen sich leider dennoch nicht verheimlichen: Der neueste Konflikt auf dem Balkan ("Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Heftige Kämpfe auf den Hügeln um Tetovo") und der Vormarsch der Maul- und Klauenseuche, die sich wie einst die Pest über ganz Europa ausbreitet: "Großbritannien könnte durch die MKS die Hälfte seiner Tiere verlieren", weiß die "Frankfurter Rundschau" zu berichten.

"Castor-Getöse"

In einer Zwangslage befindet sich laut "Süddeutsche Zeitung" die Bundesregierung in Sachen Atommülltransporte. Deutscher Strahledreck kann nicht dauerhaft im Ausland liegen bleiben, und so "muss auch eine rot-grüne Regierung mit dem Getöse leben, das sich in diesen Tagen im Wendland und anderswo erhebt", schreibt Wolfgang Roth in seinem Kommentar. Die tagespolitische Zwickmühle deute auf ein allgemeineres Problem der Umweltpartei: "Es gibt für die Grünen in der Atomfrage keinen Ausweg aus dem Dilemma: Regieren und die Anti-Atom-Gemeinde zutiefst enttäuschen oder opponieren und den begrenzten Einflussmöglichkeiten der Machtteilnahme fernbleiben." Mit einer gewissen Häme sieht die "Frankfurter Rundschau" die Eskalation zwischen Grünenminister und Anti-Atom-Basis: "Dass der Castor-Feldherr Jürgen Trittin heißt und inzwischen lieber in Berlin 'regiert als demonstriert', spöttisch gegen 'Latschdemos' und Sitzblockaden polemisiert, mag den Widerstand im Wendland noch einmal zu ungeahnter Stärke angestachelt haben."

Stirnrunzeln über Stockholm

Viele Kommentatoren beschäftigt ein Thema, das auf den Meldungsspalten der heutigen Zeitungen kaum vorkommt: Der Stockholmer EU-Gipfel vom Wochenende. Viel scheint dort nicht passiert zu sein, und so wirkt die Tonlage auch eher ein wenig gequält: "Europa im Schneckentempo", betitelt die "Süddeutsche Zeitung" ihren Kommentar. "Jede Freundschaft kennt ihren Altar, auf dem Opfer dargebracht werden müssen", schreibt schicksalsergeben die "Frankfurter Rundschau" über die Zugeständnisse von Bundeskanzler Schröder, der den Franzosen zuliebe sowohl die Liberalisierung der Energiemärkte als auch die dringend notwendige Debatte über eine Agrarreform ein weiteres Mal auf die lange Bank schob. "Schröders Schulterschluss mit Chirac war nötig, um das Misstrauen nach Nizza zu überwinden", heißt es auch im "Tagesspiegel". Doch so recht glücklich wird keiner mit der Bewahrungspolitik der Franzosen. Es sei "eine ungute Entwicklung, wenn Frankreich keine europäischen Impulse mehr setzt oder wenn es gar Initiativen zunichte macht, die dem Gemeinschaftswerk (wie dem Binnenmarkt) dienen", heißt es in der "Frankfurter Allgemeinen".

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