Auch auf den Titelseiten stehen die Ereignisse vom Sonntag im Vordergrund - genauer: die Konsequenzen aus den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. "Schröder adelt Ute Vogt. Grüne mahnen Trittin ab", schreibt die "Welt", "Schröder will sich nicht an Grüne binden", die "Süddeutsche Zeitung". Die "tageszeitung", der "Tagesspiegel" und die "Bild" spitzen das Thema auf die Personalie Trittin zu: "Trittin wird ermahnt - darf aber bleiben", macht zum Beispiel der "Tagesspiegel" auf. In den Randspalten und unterm Seitenbruch finden sich Meldungen über die Proteste gegen die Castor-Transporte und den Ausgang der Gemeinderatswahlen in Wien. Das "Handelsblatt" hingegen übernimmt heute die ehrenwerte Aufgabe, Ron Sommer zu trösten: "Niederländische Telekom rutscht tief in die roten Zahlen".

Wien im Morgenrot

Verliert das Gespenst Haider seinen Schrecken? Bei den Gemeinderatswahlen in Wien brach seine FPÖ ein und liegt nun bei 20,2 Prozent (-7,7 Prozent). Großer Gewinner ist die SPÖ, die mit 46,9 Prozent (+7,7 Prozent) die absolute Mehrheit erringen konnte. Nach Ansicht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat die FPÖ vor allem deshalb verloren, weil sie an der österreichischen Regierung beteiligt ist: "Gerade im traditionell roten Wien zeigte sich, daß der Versuch, innerlich Regierungspartei zu werden und äußerlich Protestpartei zu bleiben, eine Strategie der Selbstverzehrung ist. Als Österreich noch eine Doppelmonarchie von SPÖ und ÖVP war, konnte die FPÖ im noch weitgehend intakten Arbeitermilieu wildern und jene Wähler einsammeln, die sich von den Sozialdemokraten nicht mehr verstanden und vertreten fühlen. Seit die FPÖ an der Seite der ÖVP mithilft, das Proporzsystem aufzubrechen und durch eisernes Sparen die Staatsfinanzen zu sanieren, kehren die Überläufer reumütig zur SPÖ zurück." Die "Süddeutsche Zeitung" interpretiert das Ergebnis vor allem als Niederlage Haiders, der sich mit antisemitischen Parolen in den Wahlkampf eingemischt hatte. "Haiders Nimbus des ewigen Siegers ist endgültig dahin", kommentiert Michael Frank. "Die Selbstverständlichkeit, mit der sein Erscheinen auf einem Wahlkampfschlachtfeld früher die Dinge zu Gunsten der FPÖ zu richten pflegte, ist verflogen. Immer rascher schrumpft Haider auf die ihm angemessene Statur eines etwas überdimensionierten Provinzpolitikers. Gebannt wartet nun die Nation auf seine Reaktion. Wir er sich kleinlaut in Kärnten verbunkern?"

Grüne in der Dämmerung

Wahrscheinlich wird er zunächst einmal versuchen, seine Wahlniederlage in einen Erfolg umzudeuten - so wie es unter Politikern Brauch ist. Ein schönes Beispiel dafür sind die Reaktionen auf die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg: Die FDP freut sich, dass sie nach wie vor an den Regierungen beteiligt ist, die Grünen rühmen sich, trotz Stimmverlusten die FDP geschlagen zu haben und der pfälzische Wahlverlierer Böhr (CDU) kann sich zugute halten, dass er zwei Prozent mehr reinholte als die baden-württembergische Aufsteigerin Vogt (SPD), wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in ihrem sehr unionsfreundlichen Titelkommentar vorrechnet. Also alles in Butter?

Mitnichten. Zumindest bei den Grünen kriselt es. In seinem sehr lesenswerten Kommentar schreibt Bernd Ulrich im "Tagesspiegel" zu den Gründen: "Zum einen [liegt es] an Trittin. Der macht zwar keine schlechte Umweltpolitik - aber eine kalte. Außerdem verdeckt er mit seinen Eskapaden seine eigenen Leistungen und, wenn es ihm beliebt, auch die von Fischer und Künast. Zum anderen ist die Ökologie nicht von selbst ein Zukunftsthema. Wenn die Grünen nicht genau aufpassen, dann wirkt sie sofort wieder alt und jungwählerunfreundlich. Die Aktionen gegen den Castor sind ein Vergangenheitsthema, eine Reminiszenz. Selbst die Ökosteuer atmet den Hauch von technokratischer Volksbeglückung, besonders wenn sie sich - ja, immer wieder Trittin - mit alter linker Volksverachtung mischt." Wie soll es also mit dem "Risiko" Trittin weitergehen? Die "tageszeitung" befragte dazu den Hamburger Parteienforscher Joachim Raschke. Dessen überraschend deutliches Urteil ist in einem Interview auf der "Brennpunkt"-Seite nachzulesen. Frage: "Sollten die Grünen Trittin als Minister opfern?" Raschke: "Ja. Trittin hat in den letzten Wochen eine Reihe von Fehlleistungen hingelegt: Die Buback-Äußerung, die Beschimpfung der Castor-Gegner, der Angriff auf den CDU-Generalsekretär. Er schadet den Grünen nur noch, er kann für die Partei nichts mehr bewirken. Trittin fällt durch alles Mögliche auf, nur nicht durch eine überzeugende Umweltpolitik". Der Kanzler hat sich gleichwohl anders entschieden: Wie in allen Tageszeitungen nachzulesen ist, erklärte er, er wolle sich nicht an der "Menschenjagd" auf Trittin beteiligen. Allerdings sagte er auch im gleichen Atemzug, die SPD sei eine Partei mit "mehreren Optionen". Ob diese Andeutung als Drohung an die Grünen oder eher als Angebot an die FDP zu verstehen ist - darüber spekuliert heute vor allem die "Süddeutsche Zeitung".

Castoren Tag und Nacht