Mainz

Es gab einmal eine Zeit, erklärt die rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete und frühere Juso-Vorsitzende Andrea Nahles die politische Bedeutung ihrer Heimat, da wurde die Bundesrepublik in Gestalt der großen Parteien und ihrer Nachwuchsorganisationen vollständig von Rheinland-Pfälzern beherrscht: Helmut Kohl stammt bekanntlich aus der Pfalz, Rudolf Scharping aus dem Westerwald; Christoph Böhr, seinerzeit Chef der Jungen Union, kommt aus der Nähe von Trier, und Frau Nahles selbst ist in einem Dorf in der Eifel zu Hause. Dass sie es alle gleichzeitig so weit gebracht hatten, war natürlich Zufall, aber vielleicht doch kein reiner. Der Rheinland-Pfälzer, spekuliert Andrea Nahles, mag der typische Kompromisskandidat sein, der lachende Dritte, wenn die stärkeren Landsmannschaften einander misstrauisch blockieren, der Unterschätzte, der eben deshalb an die Macht gelangt.

Rheinland-Pfalz ist das Land, das man nicht auf der Rechnung hat, das unbekannte Wesen der deutschen Bundesstaatlichkeit, kein Kraftpaket à la Baden-Württemberg, kein Problemfall wie Bremen oder das Saarland. Reich an nationalen Symbol- und Schicksalsorten, von den Domen zu Speyer, Worms und Mainz über das Hambacher Schloss, die Loreley und das Deutsche Eck bis nach Bitburg und zum Nürburgring, ist es zugleich ein Kunstprodukt der Jahre nach 1945. In der Mischung aus Uralter und Geschichtslosigkeit, aus Römererbe und Retortenidentität wirkt es wie der Archetyp des halb wurzelhaften, halb bürokratischen Nachkriegsföderalismus; es ist gleichsam das Bundesland an sich, die platonische Idee des Bundeslandes. Eine richtige Großstadt, wie Köln oder Frankfurt in der Nachbarschaft, hat die Neugründung nicht abbekommen. Anders als etwa in Hessen, wo zwischen den Parteien immer noch etwas vom Ideologiestreit um Gesamtschule und Häuserkampf nachzittert, steht in Rheinland-Pfalz "der politische Adrenalinspiegel niedrig", wie Andrea Nahles bemerkt.

Christoph Böhr, Nahles-Widerpart aus den Juniorentagen und heute Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl, ist ein Akademiker, wie er im Buche steht, eben noch mit einer Arbeit über Kant zum Doktor der Philosophie promoviert. Dass er auf einen Führungsposten bei der Konrad-Adenauer-Stiftung aus sei, mag ein böswillig gestreutes Gerücht sein, aber es ist bezeichnend, dass es so leicht Glauben findet. Böhr würde nirgendwo als gestandenes Mannsbild oder als Vollblutpolitiker durchgehen. In der kerngesunden Biederkeit von Rheinland-Pfalz aber wirkt er besonders von des Gedankens Blässe angekränkelt - "Hamlet im Volkstheater", wie ein Beobachter aus der Landesregierung spottet. Eigentlich, fährt der Mann fort, hätte die Union daraus das Beste machen und im Gegenzug den entschieden unintellektuellen Ministerpräsidenten Kurt Beck als schlichtes Gemüt vorführen müssen. Ein etwas verklemmter Vorstoß in dieser Richtung ist auch unternommen worden - "Ein Kopf. Mehr als ein Gesicht" steht auf den Böhr-Plakaten. Aber es klingt eher entschuldigend als angriffslustig, wie eine Bitte, dem Kandidaten seine befremdlichen geistigen Neigungen nicht allzu sehr nachzutragen.

Wenn Böhr beim Besuch eines mittelständischen Abfallverwertungsbetriebs auf die Ökosteuer zu sprechen kommt - sein bundespolitisches Hauptbeschwer neben den Ungerechtigkeiten der Rentenreform -, dann hört es sich eigentümlich klagend und resigniert an. Er solidarisiert sich mit den Opfern der rot-grünen Machenschaften, aber er ist nicht der Held, sie von ihren Peinigern zu erlösen. Wo es an Anziehungskraft auf die unentschlossenen Normalbürger mangelt, muss wenigstens die Stammklientel motiviert werden, daher nun im letzten Augenblick noch eine Unterschriften- und Plakataktion gegen Jürgen Trittin, den Böhr als "Rüpel" und "linksradikalen Brandstifter" beschimpft. Dass die eigenen Leute wählen gehen, viele SPD-Anhänger aber zu Hause bleiben, ist Böhrs einzige Hoffnung.

Natürlich steht ihm die Niederlage vor Augen, die ihm allenthalben für den 25. März prophezeit wird und die mit ihm selbst weniger zu tun hat als mit dem jämmerlichen Gesamtzustand der Union. Das drohende Debakel treibt das Verliererhafte am Kandidaten hervor, man sieht es auch in ihn hinein. Würde Christoph Böhr von dem politsprichwörtlichen Berliner "Rückenwind" einem Sieg entgegengetragen, so wäre von ihm überall als "Hoffnungsträger" die Rede, als kommendem Mann der Bundes-CDU, vielleicht als einer Art Gegen-Koch. Davon ist er weit entfernt.

Die Sozialdemokraten sind hier im Grunde konservativ