Damit war die habituelle Blindheit jener Juristen gemeint, die das Leben be- und verurteilen, ohne es zu kennen. Und es war gesagt, im traditionellen rechtsstaatlichen liberalen Misstrauen gegenüber dem staatlichen Machtapparat, der sich auch (und gerade) denen gegenüber ins Unrecht setzen kann, die selber Unrecht begangen haben. Das war also die andere Seite der Konzentration auf den Täter, die unser Strafrecht seit langem bestimmt. Heute würde mich Gerd Bucerius fragen: "Ist in ihrer Familie schon jemand ermordet worden?"

Denn in der Tat, heute denken wir immer mehr auch an die Opfer. Merkwürdig, als der weiland oberste Fernsehfahnder Zimmermann seinen "Weißen Ring" anschob, der den Opfern von Verbrechen in einer Umwelt helfen wollte, die sich angeblich immer nur höchst besorgt über die Seelenverkrümmung von Tätern beugte, da hielten viele von uns liberalen Justizkritikern dies für eine ziemlich reaktionäre Angelegenheit. Wie falsch lagen wir? Und weshalb hat sich etwas geändert?

Einer der mentalen Meilensteine auf diesem Weg der liberalen (Selbst-)Revision (und Liberale zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich selbstkritisch revidieren können) waren die ersten Äußerungen des zeitweilig entführten Jan Philip Reemtsma in dem seiner Entführung folgenden Strafprozess, in denen er auf eindringliche Weise das Bedürfnis des Opfers nach Genugtuung bekannte und begründete - in einer Zeit des, wenn es hoch kommt, rein zweckrationalen Denkens eine mutige Tat.

Jetzt hat - was sich als ein weiterer Meilenstein erweisen könnte - der neue Justizminister von Niedersachsen, der Kriminologe Christian Pfeiffer, ein Programm vorgelegt, das beiden Fragen von Gerd Bucerius gerecht werden soll, der wirklichen, alten Frage - und der hypothetischen, neuen. Eine neue Landesstiftung soll den Opfern von Straftaten unter die Arme greifen. Zum anderen soll aber auch der Strafvollzug verbessert werden dadurch, dass die Verurteilten an sinnvolle, ertragsreiche Arbeit herangeführt werden, was nicht nur ihre Resozialisierung fördert, sondern sie überhaupt erst instand setzt, zum Täter-Opfer-Ausgleich materiell beizutragen.

Wie konnte es zu dieser langwierigen Vernachlässigung der Opfer durch den Staat samt seiner Strafjustiz kommen? Es könnte dies die Folge eines ursprünglichen Gewinns an Aufklärung und Gerechtigkeit sein: Als der Staat vor Zeiten die Selbstjustiz der Rache unterband und das Strafmonopol in die Hand nahm (und also auch das Gewaltmonopol), da diente er dem zivilisierten Rechtsfrieden; er tat es, indem er das Genugtuungsbedürfnis des Opfers gewissermaßen verstaatlichte, also: enteignete. Daran ist nichts rückgängig zu machen. Aber wie immer bei (rechtsstaatlichen) Enteignungen: Es ist ein Ausgleich fällig.

Vielleicht ist also nun wirklich die Zeit reif dafür, den Verzicht auf Rache und das Recht auf Genugtuung neu in Eins zu denken - und auch die zweite Frage von Gerd Bucerius nicht nur zu stellen, sondern auch zu beantworten.