Die europäischen Richter bestätigten also die deutschen Strafurteile gegen Krenz und einige andere Kläger, also pars pro toto. Was bedeutet dies?

Erstens: In der Tat Siegerjustiz – aber eben ein Sieg der Gerechtigkeit, nicht des politischen Siegers. Dass Krenz verurteilt wurde, hat nichts mit der Willkür des einen deutschen Staats über den anderen deutschen Staat zu tun, sondern entspricht dem gemein-europäischen Rechtsdenken.

Zweitens: Weshalb soll es Egon Krenz besser ergehen als General Pinochet? Mit anderen Worten: Weshalb soll die Entwicklung des internationalen Rechtsdenkens, das Diktatoren immer deutlicher den friedlichen Ruhestand nach dem Unterdrücken ihrer Landsleute verweigert, nun ausgerechnet vor Deutschland halt machen?

Aber, wo bleibt nun, drittens, das Verbot rückwirkenden Strafens: nulla poena sine lege? Wenn man die Dinge genau betrachtet, sind da die europäischen Richter sogar mutiger gewesen als die deutschen. Die deutsche Strafjustiz hat sich, was die Mauermorde betrifft, vor allem auf den Gedanken gestützt, die Grenzsicherungs-Morde seien Exzesstaten gewesen – und erst der Exzess habe einen Verstoß gegen das Recht dargestellt. Das europäische Gericht sagt nun: Sie waren in der Wurzel und prinzipiell Unrecht – weil selbst das DDR-eigene Recht – im Lichte der Konventionen ausgelegt, die von der DDR unterschrieben worden waren – das Grenzregime (incl. Schießbefehl) als Unrecht desavouiert hatte. In diesem Gedanken deutet sich an und weitet sich aus ein überaus interessanter Gedanke: Ungeachtet aller nationaler Souveränitäten wächst die internationale Menschenrechtsgemeinschaft als Auslegungsinstanz auch der nationalen Rechtssetzungen heran.

Lassen wir also Egon Krenz ruhig weiter von "Siegerjustiz" reden. Kein Angeklagter ist dazu verpflichtet, seine Niederlage einzugestehen. Aber wir dürfen aus seinen Worten (inzwischen: ruhig) ahnen, was es bedeutet haben würde, wenn Egon Krenz gesiegt hätte – vor der deutschen politischen Wende und nach dem deutschen Strafprozess.

Im übrigen ein Wort zur Erinnerung an Günter Schabowski: Der hatte im Strafprozess seine Schuld anerkannt und das Urteil akzeptiert. Er ist inzwischen begnadigt worden. Kein fauler Deal war das, sondern – und dieses Mal auf allen Seiten – ein Sieg der Justiz. Und ohne dass man Berufung einlegen müsste.