Nein, getreu dem Standpunkt, der an dieser Stelle von Anfang an vertreten wird, hätte auch die Akte Ströbele nie freigegeben werden dürfen. (Dass er sein Einverständnis dazu gegeben hatte, hat mehr mit der politischen Logik seiner eigenen Forderung in Sachen Kohl zu tun, als mit der Logik und Moral des Gesetzes.) Interessant sind nun die Hilfskonstruktionen, die man wählt, um doch zu einem "richtigen" Ergebnis zu kommen: Es sei zwar richtig gewesen, dass die Akte Ströbele freigegeben wurde - nun seien aber auch die Medien, die diese Akte erhalten haben, dazu verpflichtet, mit der Akte "richtig" (und fair) umzugehen.

Welche Naivität - und welcher juristische Unfug! (Womit nichts dagegen gesagt sei, dass üble Nachrede, auch mit richtigen Stasi-Akten betrieben, natürlich verboten bleibt.) Aber zwei Gesichtspunkte enthüllen die Illusionen, die man sich da macht. Zum ersten: Wenn man Akten herausgibt, ist man selber mit verantwortlich dafür, was mit ihnen geschieht; und wenn man Akten in der Hand hat, zum Beispiel als Journalist oder Wissenschaftler, kann man damit im Rahmen der Informations-, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit machen, was man für richtig hält; der Auslieferer der Akten hat da keinen "moralischen" Anspruch auf Selbstzensur. Hier gilt, dass man mit dem Gebrauch auch den Missbrauch eröffnet - und mit verantwortet.
Zum zweiten: Man kann das Opfer der Akten und ihrer Herausgabe nicht auf die Hoffnung verweisen, dass der Empfänger der Akten schon "vernünftig" damit umgehen werde; zur Not aber könne man ja gegen den Missbrauch klagen. Wenn es erst einmal soweit ist, ist der Missbrauch in der Welt und durch keine nachträgliche Klage mehr aus der Welt zu schaffen, allenfalls zu bestrafen.

Also: Wer Menschen schützten will, die von der Stasi abgehört wurden, ohne für die Stasi tätig oder verantwortlich zu sein, der muss ihre Akten - eben nicht herausgeben. Auch nicht im Falle Ströbele.