Als sich die junge Betty Joan Perske beim amerikanischen Regisseur Howard Hawks für den Film To Have And Have Not vorstellen sollte, riet man ihr, tiefer als gewohnt zu sprechen - Männer lieben dunkle Stimmen an schlanken Frauen. Es funktionierte. Unter dem Namen Laureen Bacall lehrte sie Humphrey Bogart das Pfeifen: "Just put your lips together - and blow." In Romy-Schneider-Tonlage wäre der Satz wirkungslos verpufft.

"I was born to hoarse", erklärt die schmale Sandy Dillon, ein weiß geschminktes Hexenkind, das im Walde singt, um sich nicht zu fürchten, und zugleich die heisere, verrauchte Stimme des Wolfes übernimmt.

Wohin mit ihr? In eine Ecke mit den wilden Grrrls oder zu den gitarrensoliden, komponierenden Sängerinnen, in eine Garderobe zusammen mit den postfeministischen Rollenträgerinnen oder an die Bar zu den Töchtern von Blondie? Ist diese kratzende Kellerstimme nicht zu viel? ZU VIEL wie Tom Waits oder Nick Cave, immer hart an der Grenze, hinter der die eigene Parodie lauert? Als sie im Sommer 2000 miniberockt und federboabehängt über die Bühne stampft und Voodoo tanzt, könnte sie als Nichte Nina Hagens durchgehen, singt sie leibhaftig, öffnen sich dunkle Abgründe.

Die Spätberufene - sie ist älter, als es scheint - hatte 1999 ihr erstes Album veröffentlicht, beschwor darin schwarze Witwen und versprach, dass man sich in der Hölle wiedertreffen würde. Sie schwamm in trüben Fantasien und bat den Richter inständig, er möge sie auf den elektrischen Stuhl schicken, sie habe ihren Mann umgebracht. Doch feminine Vergleiche fehlen, die musikalischen Wurzeln von Electric Chair reichen atypisch tief in den Blues - Send Me To The 'Lectric Chair wurde von Bessie Smith ebenso gesungen wie von Dinah Washington -, berühren die melancholischen Liebeslieder der dreißiger Jahre, die Gefühlslagen einer Billie Holiday. Mit einem entscheidenden Unterschied, es sind Lieder, aus denen die Frauen mit heiler Haut davonkommen: "Torch songs where the woman doesn't get burnt."

Mit einem Bein tastet sie ganz nahe am Rand des Abgrunds, mit dem anderen steht sie fest auf dem sicheren Boden der Tradition. Was ihr auf Electric Chair der Blues war, findet sie auf dem neuen Album East Overshoe im amerikanischen Volks- und Tanzlied - in eingeborener Terminologie, dem Countrysong. Gebrochen natürlich. Und dazu - als garantiere diese Stimme nicht schon genügend Distanz zu Vorbild und Modell - mit jenem musikalischen Material unterlegt, das in Garagen rumliegt, mit dem blechernen Scheppern von Gitarren, dumpfen Trommeln auf Blechfässern, knochenklappernden Rhythmen und heulender Mundharmonika. Es ist das Instrumentarium, das sich seit Jahren bei Tom Waits stapelt und das vor 30 Jahren den legendären und langsam wieder entdeckten Captain Beefheart über die Verlockungen des Blues hinweghalf - das organisierte Chaos.

Lieder wie B-Movies aus Hollywood

Inzwischen ist jedoch sogar der Kellerklang zum Genre geworden. Wie das Streichquartett, das Jazztrio oder die unvergleichliche Kombination aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, so auch die elektrifizierte Schrott- und Abfall verwertende Avantgarde - ein Zitat ihrer selbst. Doch Sandy Dillon mischt ihre Holzfällerstimme nur mit Spurenelementen aus jenem Garageninstrumentarium, lässt ihre Melodien im Fluss jener Geschichten treiben, die ganz traditionell von Liebe und Verrat erzählen. Sie erinnern an jene kargen amerikanischen B-Movies mit ihren Storys aus Hollywood und dem Glamour einer Billigproduktion. Wie Cindy Sherman in ihren frühen Fotografien inszeniert sie Gefühle als Standfotos, nicht die großen Szenen, sondern die Momente davor oder danach. Sandy Dillon singt B-Movie-Musik, mit Klängen, die jeder Produzent rausschneiden würde, die auf eine seltsam eigensinnige Weise misslungen sind. Sie bricht jede Illusion einer perfekten Inszenierung, und genau in jener Differenz zwischen Hochglanzoriginal und zerkratzter Kopie liegt die berührende Schönheit ihrer Musik.