Eine Muschel schiebt sich schräg in den Bremer Himmel. Oder ist es ein Wal, der sich Luft schnappend aus dem künstlichen Tümpel wuchtet? Ein XXL-Rennwagen? Was auch immer die Immobilie darstellt: Das Universum hat eine spektakuläre Heimat erhalten. Es ist, eröffnet im vergangenen September, das jüngste der deutschen Wissenschaftsmuseen, die sich modern Science-Center nennen. 68 Millionen Mark hat es verschlungen, und schon äußerlich ist es zu auffällig, um nicht wahrgenommen zu werden. 35 000 Edelstahlschindeln verbreiten Glanz, von 1000 Presseartikeln berichtet die PR-Abteilung, schon im April wird der 300 000. Besucher durch das Drehkreuz drängen - fünf Monate früher als geplant.

Über 30 Jahre nachdem mit dem Exploratorium in San Francisco das Technikmuseum neu erfunden wurde, geht auch in Deutschland die Post ab. Rund 20 Science-Center sind projektiert, in Wolfsburg, Stuttgart, Frankfurt am Main, Heidelberg, Freiburg, Mannheim oder Köln. Vage Pläne gibt es auch in Hamburg oder Berlin. Bis zu dreistellige Millionensummen wollen sich Freizeitparkpioniere und Lokalpolitiker einzelne Projekte kosten lassen. Der Trend heißt: Weg von verstaubten Sammlungen hin zur popularisierten Wissensvermittlung, Bildung als spaßiges Event inszenieren.

Was Science-Center unter "Science" verstehen - in der Regel Naturwissenschaften und Medizin -, wird nicht auf Wandtafeln, Kärtchen und mit patinierten Exponaten vermittelt, sondern "erlebnisorientiert" im Planetarium, Imax-Kino und Flugsimulator. Hand anlegen statt Vitrinen-Hopping: Im Hands-on-Museum gibt's den Tornado zum Anfassen. Der Besucher baut, tüftelt, fühlt - ganz nach der Devise, dass Be-greifen bildet. "Hautnah" schüttelt ein Sofa in Bremen Befühler durch ein Erdbeben. Schulklassen reisen zum Meeresgrund und Urknall, kratzen fossile Kiefer aus dem Sand, tasten kichernd durch ein lichtloses Labyrinth oder lümmeln sich in die Kissen einer riesigen bizarren Gebärmutter.

Nordamerika mit 500 Science-Centern und Experimentierlabors hat's gezeigt - in Europa haben insbesondere England und Skandinavien es mit rund 260 Zentren nachgemacht. Nun röhren auch hierzulande die Platzhirsche der Ausstellerszene nicht mehr von interessanten Exponaten, sondern vom Sex-Appeal einer Veranstaltung. Und der Direktor des Deutschen Museums, Wolf Peter Fehlhammer, preist gar die "Erotik des Moleküls". Technische Spaßkultur gab es vor Bremen nur in Ansätzen. "Universitäre Kleinstmuseen in ausgeräumten Lehrerzimmern", lästert Fehlhammer. Höchste Zeit für einen deutschen Aufbruch.

Oder ist der Zug längst abgefahren? Deutschland hechelt dem Trend hinterher, während in Holland, England und den USA die ersten Center wieder schließen. Nach nur drei Jahren machte das Pacific Northwest Museum of Natural History dicht, obwohl die renommierte Smithsonian-Institution es zu einem der besten Museen Amerikas erklärt hatte. Die Columbus Center Hall of Exploration überlebte gerade mal neun Monate. Und das Oregon Museum of Science and Industry existiert nur mit massiven Geldspritzen weiter - auf 22 Millionen Dollar belief sich der Schuldenberg. Der Grund für die Pleiten: Erfolg lässt sich nicht auf beliebig viele Teilnehmer aufteilen. Plötzlich gab es zu viele, und fatalerweise hatten sie einander fleißig abgekupfert. "Kennst du eins, kennst du alle", sagt Martin Roth, Präsident des Deutschen Museumsbunds.

Noch stören keine Misstöne die Aufbruchstimmung hiesiger Landes- und Kommunalpolitiker. In ihren Ohren klingen andere Worte nach: Edelgard Bulmahns Bundesforschungsministerium und die großen Wissenschaftsorganisationen haben mit einem Trommelfeuer gut gemeinter Fensterreden das Projekt Wissenschaft im Dialog angeschoben. Um Wissenschaft und Technik populär zu machen, ergötzen sich landauf, landab die Gelehrten am Zauberwort Push (Public Understanding of Sciences and Humanities). Und seit es den Computer-Inder als Importware gibt, grassiert die Sorge um forschenden Nachwuchs. Wo Nachholbedarf gepredigt wird, kommt museale Bildungsvermittlung als Thema gerade recht, um politisch zu punkten. Warum nicht der Wählerschaft das Prestigeobjekt Science-Center vor die Nase setzen? Wolfsburgs Stadtväter lassen 100 Millionen springen.

Am wildesten tobt die Standortschlacht in Baden-Württemberg. Fünf Projekte sind geplant: Neben dem 60-Millionen-Vorhaben Zukunftswerkstatt Wissenschaft und Technik in Mannheim das 66 Millionen teure Science- und Technologie-Center in Freiburg. Ulm brütet über einem Edutainment Center, Heidelberg über Plänen für ein Exploratorium. Beim Budget schießen die Stuttgarter den Kostenvogel ab: Inklusive Bibliothek soll deren Center 190 Millionen Mark kosten. Während die schwäbische Konkurrenz primär auf öffentliche Batzen lugt, hecken die Stuttgarter, nach dem Vorbild des Bremer Universums, eine Public-Private-Partnership aus: Die knackige Alliteration bezeichnet ein mehrheitlich von Sponsoren finanziertes Modell.