In der Krise stirbt die Hoffnung zuletzt. Sie haben an der Börse 50 000 Mark verzockt? Macht doch nichts. Ihre Telekom-Aktien sind nur noch ein Viertel wert? Das wird schon wieder. Der Neue Markt ist seit dem letzten Frühjahr um 80 Prozent eingebrochen? Keine Bange, alles wird gut.

Miesepeter haben am Aktienmarkt nichts verloren. Da haben mehr als zwölf Millionen deutsche Aktionäre und Fondsbesitzer gerade gelernt, was ein Crash ist - sie erlebten "die größte Geldvernichtung in der modernen Finanzgeschichte", wie es Gottfried Heller nennt, der Chef der Fiduka Vermögensverwaltung und langjähriger Partner des verstorbenen Börsengurus André Kostolany. Mehr als acht Billionen Mark wurden allein an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq verbrannt, das ist mehr als das gesamte deutsche Geldvermögen. Und die Anlegermagazine? Sie raten schon wieder zum Aktienkauf. "Comeback der Börsen-Stars" titeln sie in großen Lettern, oder: "Nutzen Sie die Krise".

Dahinter steckt eine einfache Regel: Auf lange Sicht, glauben viele Börsianer, ist die Aktie die lukrativste Form der Geldanlage - einen Crash sitzt man einfach aus. Mit Aktien, heißt es, kann jeder ein kleines Vermögen machen - wenn er sie nur lang genug hält. Die schlichte Börsenweisheit ist für die verunsicherten Anleger in der Krise der letzte Strohhalm. Bloß: Langsam wachsen Zweifel, ob dieser Strohhalm auch hält.

Die Optimisten unter den Börsianern sehen das natürlich anders. Sie verweisen auf das Wachstum des Deutschen Aktienindex in den vergangenen Jahrzehnten. Ihr Kronzeuge ist Richard Stehle: Der renommierte Kapitalmarktforscher der Berliner Humboldt-Universität hat den Dax, der die Wertentwicklung der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften widerspiegelt, bis 1954 zurückberechnet - offizielle Daten gibt es erst seit 1980. Sein Ergebnis: Wer Mitte der fünfziger Jahre deutsche Aktien kaufte und sie heute noch hat, erzielte jährlich eine reale Rendite von mehr als 8 Prozent. Wer 1980 kaufte und die Aktien 20 Jahre hielt, kassierte jedes Jahr rund 13 Prozent - deutlich mehr als mit festverzinslichen Bundesanleihen.

Nur: Was ist mit jenen, die kurz vor einer Krise zugriffen, zu überhöhten Preisen - und die ihre Aktien nicht 40 Jahre hielten, sondern nur 10 Jahre? Oder den anderen, die in der Krise verkaufen mussten, weil sie Geld für ein neues Autos brauchten? Den Pessimisten fallen schnell Horrorbeispiele ein: Etwa der Crash von 1987. Wer kurz zuvor Aktien kaufte und sie zwölf Monate später losschlug, verlor mehr als ein Drittel des angelegten Geldes. Wer die Papiere ein halbes Jahrzehnt hielt und dann verkaufte, machte unter dem Strich jedes Jahr noch mehr als ein Prozent Verlust. Dramatisch auch die Ölkrise in den siebziger Jahren: Wer 1970 einstieg und seine Aktien fünf Jahre später verkaufte, verlor fast zehn Prozent - jährlich.

Optimistische Börsianer halten dem entgegen, als Aktionär müsse man eben etwas mehr Stehvermögen zeigen. Langfristig investieren heißt demnach, die Aktien nicht fünf Jahre zu halten, sondern 10, 20 oder gar 30 Jahre. Und: An der Börse darf man nur Geld einsetzen, dass man selbst im Notfall nicht braucht. "Es gibt keinen falschen Einstiegszeitpunkt", spotten erfahrene Anleger. "Nur den falschen Zeitpunkt zum Aussteigen."

Doch so einfach ist es nicht. Selbst wenn man nur in Zeitabschnitten von 20 und 30 Jahren denkt - ist es sicher, dass die Börse dann immer im Plus liegt? Kann man von der Vergangenheit wirklich auf kommende Kurse schließen? Ja, sagen Experten wie Richard Stehle. Weil die Börse schon in den letzten Jahrzehnten allerhand Krisen erlebte und Aktien dennoch langfristig besser abschnitten als zum Beispiel Anleihen. Nein, behauptet der US-Ökonom Robert Shiller. Sein Argument: Betrachtet man sehr lange Zeitabschnitte, so gibt es in der kurzen Geschichte der Börsen nur wenige voneinander unabhängige Perioden. Nimmt man 30-Jahres-Abschnitte, so kann man die Überlegenheit der Aktie gerade mal an fünf sich nicht überlappenden Zeiträumen prüfen - aber mag man auf fünf Fälle seine Zukunft bauen? Nimmt man kürzere Perioden, etwa von zehn Jahren, dann finden sich auch mehrere Zeiträume, in denen Renten bessere Renditen abwarfen als die Dividendenpapiere. So zum Beispiel am amerikanischen Aktienmarkt in den zehn Jahren nach 1929 oder nach 1966. Selbst wenn man eine historische Überlegenheit der Aktie sicher belegen könnte, "sollten wir wahrhaben, dass die Zukunft nicht wie die Vergangenheit sein muss", warnt Shiller.