Die Expedition des Professors begann unmittelbar nach der Wende in einem hessischen Übersiedlerheim und führte ihn und seine interviewenden Studenten zehn Jahre lang durch die Neuen Länder. In einem umfänglichen Vorwort und Anmerkungsapparat wird das Buch, das aus der Expedition entstand, als "ethnologischer Bericht, als Bericht über eine untergegangene Kultur" bezeichnet. Der Autor erzählt von seinem neugierigen Interesse an dem "sozialen Großversuch der Wiedervereinigung", das ihn zu dieser Expedition zu einer "fremden Ethnie" bewogen habe.

Wie viele Gespräche Manfred Clemenz, der Professor aus Frankfurt/Main, zuletzt auswerten konnte, erfahre ich nicht, nur, dass er sich einer Auswahl von GesprächspartnerInnen genähert habe, die den Kriterien eines "theoretical sampling" entsprachen. Zur Auswertung wird mir erklärt, dass es ihm darum ging, in einem "hermeneutischen Zirkel zwischen kollektiven Bedeutungsstrukturen und individuellen Lebensgeschichten unser Material zu erschließen" ... Ich bin noch immer sehr gespannt auf die Resultate dieser zehn Jahre währenden Expedition, darauf, was sein "fremder Blick" über meine "Ethnie" herausgefunden haben mag. Schließlich werde ich fündig, Clemenz formuliert eine "Typologie der Einstellungs- und Verhaltensmuster von Ostdeutschen", wobei die "Einstellungen zu den beiden Gesellschaftssystemen und die Effekte des Systemwandels sozialpsychologisch zu klassifizieren" waren.

Typisch fand Herr Professor siebenerlei: 1. Die Identifikation mit der ehemaligen DDR, 2. mit dem Westen, 3. mit keinem von beiden Systemen, 4. eine systemübergreifende Anpassungsbereitschaft, 5. eine Systemopposition (in der DDR), 6. eine instrumentelle Systemopposition (in der DDR, zum Zweck der Ausreise), 7. eine Ambivalenz.

Ich maße mir kein Urteil darüber an, wie umwälzend diese Erkenntnisse für die Soziologie und Sozialpsychologie sein mögen. Für mich ist diese Typologie so banal wie die Erkenntnis, die Clemenz zu seinen wichtigsten Schlussfolgerungen zählt: dass es "die Ostdeutschen" überhaupt nicht gäbe, sondern auch hier, wie in allen modernen Gesellschaften, vor allem gruppenspezifische Identitäten. Aber dies ist ja nicht die einzige Frucht seiner Forschung. Clemenz benennt drei DDR-typische Affektlagen: 1. "Kollektive narzißtische Kränkung in Verbindung mit dem komplementären Phänomen narzißtischer Wut aufgrund der ökonomischen Benachteiligung gegenüber der BRD", 2. "Kollektives Mißtrauen aufgrund der Allgegenwart eines autoritären ... Systems", 3. "Kollektive Entlastung von der Verantwortung für die NS-Vergangenheit ..." Die Kombination dieser Affektlagen führe eher auf die Spur xenophober Tendenzen als der Versuch, diese nur als Phänomen der Wende zu erklären.

Schwarz vor Ruß, maskiert und bäuchlings durch den offenen Grenzzaun

Das ist alles gewiss nicht ganz falsch, wenngleich ich als psychoanalytischer Laie das Wort "Narzissmus" so verstehe, wie es wohl auch umgangssprachlich gebraucht wird, als Bezeichnung für den unschönen Charakterzug der Selbstbezogenheit oder gar Selbstverliebtheit. Der Professor hätte wissen müssen, dass seine Fachtermina missverständlich sind, wenn er sich an ein größeres Publikum wendet. Und dass sich bei Laien wie mir natürlich der Einwand erhebt, dass diese Kränkung und Wut über ökonomische Benachteiligung mehr mit den realen Nachkriegsverhältnissen in Deutschland und weniger mit kollektiver Selbstbezogenheit zu tun haben. Ich komme nicht umhin, einen Verdacht zu äußern, für den sich mir mehrere Indizien aufgedrängt haben: Der Blick des Frankfurter Professors ist nicht frei von Herablassung, um es behutsam zu formulieren. Leider gibt er über seine eigene Affektlage in Bezug auf seinen Forschungsgegenstand keine Auskunft. Aber allein durch sein psychoanalytisches Interesse und die entsprechende Terminologie erscheinen die von ihm dargestellten Ostdeutschen als psychiatrische "Fälle", als seelisch krank und er als deren Supervisor, Diagnostiker.

Er begegnet seinen Gesprächspartnern nicht auf gleicher Ebene, in Augenhöhe, wie Jürgen Fuchs sagen würde. Er sucht und findet psychische Deformationen und bleibt dabei in einer selbst auferlegten Distanz zu seinen Objekten, die die neun "Portraits" zu einer ausgesprochen zähen Lektüre machen, psychiatrischen Gutachten nicht unähnlich. Ein weiteres Indiz der Herablassung ist die zitierte Sprechweise, die angeblich "so genau wie möglich" sein soll, aber so gespickt ist mit allerart Undeutlichkeiten, Interjektionen, Schmatz- und Schnalzlauten, als hätte man es nicht nur mit einer "fremden Ethnie", sondern auch mit deren primitiver Artikulation zu tun ("ebmt" für "eben", "Schangse" für Chance, "mmh pff" für Ich-weiß-nicht-was).